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Ungewohnte Blicke auf die gewohnte Umgebung

Ahrenshoop Ungewohnte Blicke auf die gewohnte Umgebung

27 junge Künstler und ältere Meister im Kunstkaten und im Kunstmuseum Ahrenshoop.

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„Junge“ (l.) und „Im Bauch der Nacht“ (r.) von Cornelia Schleime, „Jakob sieht im Traum die Himmelsleiter“ von Anna Gerresheim.

Quelle: Dietmar Lilienthal

Ahrenshoop. Der Frachter „Ideal X“ versank im Herbst 1956 im Nordatlantik. Gerettet wurde nur ein Matrose, der die Geschichte des Unglücks zu Protokoll gab. In einer Arbeit des Fotografen Sven Johne (geboren 1976) wird nun erneut von dem Unglücksfrachter erzählt. Johne hat eine Serie zu Schiffsschicksalen gemacht, seine Arbeiten begegnen dem Besucher des Kunstmuseums Ahrenshoop als Auftakt der Schau „Blickwechsel Ahrenshoop: Gestern und Heute“. Der Titel bezeichnet eine Koproduktion des Museums mit der Stadtgalerie Kiel und dem Künstlerhaus Lukas, das aus Anlass seines 20-jährigen Bestehens mit zwölf ehemaligen bzw. gegenwärtigen Stipendiaten vertreten ist.

Johne führt wunderbar in die Thematik ein: Das Verhältnis von Mensch, Natur und Kunst. Die großformatigen Fotos zeigen eine bewegte See mit der Horizontlinie in in der oberen Bildhälfte. Auf der Horizontlinie stehen die Koordinaten der Schiffsunglücke, rechts unten die Berichte. Das ist eindrucksvoll. Es zeigt aber auch: Bedeutung gibt es nur im Wort. Das Bild ist reine, undurchdringliche Oberfläche. Dem Meer ist es egal, wer es ansieht — oder wen es soeben verschlungen hat.

Man mag sich darüber wundern, dass im Zusammenhang mit Mecklenburg-Vorpommern oft zuerst die Natur als Inspirationsquelle gepriesen wird. Tatsache ist natürlich, dass die Stipendiaten gleichsam geplättet sind vom Leben zwischen Meer und Bodden, und diesen Eindruck in ihre Werke einfließen lassen. Insofern kann die aktuelle Ausstellung als Erkundung des Kulturraums Ahrenshoop verstanden werden — oder als „ideelles Gesamtformat“, wie Kuratorin Katrin Arrieta formuliert.

Die Schau setzt dies um, indem die Arbeiten heutiger Künstler mit Werken aus der Sammlung des Museums in Beziehung gesetzt werden. Die vergrößerten Kinderantlitze der Malerin Cornelia Schleime treffen da auf die dynamisch-verspielten Bilder von Anna Gerresheim (1852—1921). Gerresheim war die Wunschpartnerin von Schleime (geboren 1953). Eine gute Wahl: Ihre Bilder könnten Detailvergrößerungen der älteren Werke sein.

„Es war ein Experiment, ob der Zusammenhang zwischen den Werken sich tatsächlich herstellt“, sagt Katrin Arrieta, die die Schau mit zwölf Zeitgenossen und 15 älteren Meistern mit Peter Kruska von der Stadtgalerie Kiel zusammenstellte. „Ich bin fast erschrocken, dass das so gut funktioniert!“

Entstanden sind Räume unterschiedlicher geo-artistischer Natur. Während es bei Schleime, Müller-Kaempff und Co. erdfarben und hügelig zugeht, begegnen einem nebenan bizarre Stadtlandschaften in den Fundstück-Installationen von Nándor Angstenberger (geboren 1970) und den geometrisch explodierten Gemälden von Katrin Pieczonka (Jahrgang 1972). Aus der Sammlung kommt Alfred Partikel (1888—1945), dessen Baumgruppe „Waldinneres“ (um 1936) aus lauter Vertikalen besteht und fabelhaft zu den Heutigen passt.

Einem Besuch in der Folterkammer gleicht der Raum schräg gegenüber. Er wird von einer eiskalten schwarzen Kachelwannen-Skulptur von Ulrike Mundt (geboren 1976) dominiert, die heftig durch das Gemälde von Hermann Abeking (1882—1939) aufgeladen wird: Darauf krümmt sich ein sterbender Mann, beobachtet von Männern, von denen nur Beine und Schuhe vor einer Kachelwand zu sehen sind. Da transportiert der Betrachter Bedeutungen hin und her und freut sich, dass Ulrike Mundts „Rüstung“ als begehbare Skulptur ein wenig Schutz bietet.

Direkt vor Ort arbeitet auch Anett Frontzek (geboren 1965), deren Arbeiten im Kunstkaten zu sehen sind. Sie zerschneidet alte Seekarten der Region, so dass nur die mittlerweile abgeschafften Funkrichtlinien als Netz überm hellblauen Wasser übrig bleiben. Natur, Technik und Kunst vermischen sich, und die perforierten Karten bieten ein sehr ungewohntes Bild von der gewohnten Umgebung.

Kontakt & Infos
Adressen: Kunstmuseum, Weg zum Hohen Ufer 36; Kunstkaten, Strandweg 1, 18345 Ahrenshoop
Kontakt: ☎ 03 82 20 / 6 67 90 (Museum) und 03 82 20 / 8 03 08
Öffnungszeiten: täglich 11.00 bis 18.00 Uhr (Museum); täglich 10.00 bis 13.00 Uhr und 14.00 bis 17.00 Uhr; Vernissage heute 11.00 (Kunstkaten) und 15.00 Uhr (Museum)
Preise: Museum 8 Euro (ermäßigt 4 Euro); Kunstkaten 2 Euro (ermäßigt 1 Euro)
• Internet:
www.kunstkaten.de
www.kunstmuseum-ahrenhsoop.de

 



Matthias Schümann

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