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00:06 15.06.2018
Ahrenshoop

„Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel kommt morgen mit seinem Programm „Courage zeigen“ ins Kunstmuseum Ahrenshoop. Vorab sprach die OZ mit ihm über den rechtsradikalen Überfall auf ihn, seine Freundschaft mit Udo Lindenberg und über fehlende Courage.

„Courage zeigen“ heißt das Programm, mit dem „Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel morgen im Kunstmuseum Ahrenshoop gastiert.

2017 ist Ihr Buch „Courage zeigen – Warum ein Leben mit Haltung gut tut“ erschienen. Können Sie das in einem Satz beantworten?

Sebastian Krumbiegel: Ich finde, dass es in der heutigen Zeit wichtig ist, sich politisch zu positionieren. Die Leute, die ich kenne, die grätschen rein, wenn irgendjemand Nazischeiß oder antisemitischen Mist von sich gibt. Mein Buch heißt „Courage zeigen“ weil wir seit 20 Jahren ein gleichnamiges Festival veranstalten. Wir haben damals erfolgreich versucht, Nazis von einer Demonstration vor dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal abzuhalten, indem wir einfach eine Bühne hingebaut haben und das machen wir in diesem Jahr zum 21. Mal.

Sie sagen in Ihrem Buch, dass Unterhaltung etwas mit Haltung zu tun hat.

Auf jeden Fall. Wichtig ist, dass man nicht moralisiert. Mir ist klar, dass ich in erster Linie Unterhalter bin. Aber ich glaube, man ist der bessere Entertainer, wenn man dazu eine Haltung transportiert. Es geht nicht darum, jemandem vorzuschreiben, was er denken soll. Es geht darum, zu sagen, ich mache mir Gedanken über das, was hier passiert. Deswegen habe ich das Buch geschrieben und deswegen sind meine Texte oft mit Inhalten gespickt, mit denen ich mich klar gegen Populismus und Rassismus positioniere.

2003 wurden Sie in einem Park von Rechtsradikalen überfallen und zusammengeschlagen. Wussten die Täter, dass Sie sich gegen Rechts engagieren?

Nein, das war Zufall. Ich bin mit unserem Trommler durch die Gegend gerannt, vielleicht haben die gedacht, wir sind ein schwules Paar. Die haben einfach ihren Frust an uns ausgelassen, ohne zu wissen, wer wir sind. Viel interessanter als der Überfall war das, was danach passiert ist. Dass man überlegt, warum der Täter das gemacht hat. Diesen Perspektivwechsel hinzukriegen und die Sicht auf die Dinge zu verändern, hat mir geholfen.

Sie haben den Täter sogar im Gefängnis besucht.

Ja. Ich habe einen Brief vom Weißen Ring bekommen, in dem stand, dass er mich treffen möchte, um sich zu entschuldigen. Zuerst wollte ich das nicht. Aber Freunde haben mir dazu geraten. Bei meinem Besuch habe ich gemerkt, dass das eigentlich eine arme Sau ist. Dass er fehlgeleitet war und Sachen gemacht hat, die er später bereut hat.

Also war der Überfall nicht der Grund für das Buch?

Nein. Das ist nur ein kleines Mosaiksteinchen. Aber er hat mich in meiner politischen Grundhaltung bestärkt. Entweder zu zerbrichst an so etwas, oder es macht dich stärker. Mich hat das stärker gemacht.

Ob DDR-Regime oder die Ausbildung im Thomanerchor. Sie haben sich schon als Jugendlicher gegen Dinge aufgelehnt, die Sie gestört haben. Sehen Sie sich heute immer noch als Rebell?

Ich glaube nicht, dass ich jemals ein richtiger Rebell war. Ich war einfach einer, der versucht hat, sein Ding zu machen und sich Autoritäten zu widersetzen. Meine Mutter musste oft sagen, „zähl erst mal bis zehn“ bevor du deinen Mund aufmachst (lacht). Heute bin ich rebellisch bei Dingen, die wirklich schieflaufen. Wenn irgendjemand jemanden als schwule Sau beschimpft, nehme ich das nicht hin.

Das hat etwas mit einer Grundanständigkeit zu tun, die ich leben möchte. Das gelingt mir nicht immer, deswegen geht es in dem Buch auch um Fehler. Es soll kein Selbstbeweihräucherungsbuch sein. Was den Rebell betrifft, so werfen mir viele Leute heute sogar vor, dass ich ein Systemling bin, ein links-grün versiffter Gutmensch.

Sie engagieren sich in zahlreichen Initiativen gegen Rechtsextremismus. Gibt es Situationen, in denen Ihnen die nötige Courage gefehlt hat?

Ja. Bestes Beispiel dafür ist die Montagsdemonstration von 1989. Am 9. November, dem Tag der Entscheidung, fehlte mir die Courage. Ich hatte eine Woche vorher gesehen, wie die Polizei auf die Leute eingeknüppelt hat. Obwohl am 9. November alle dachten, heute wird scharf geschossen, haben sich viele Menschen der Staatsmacht entgegengestellt. Ich war zu feige, das ärgert mich bis heute.

Ihr Programm heißt „Courage zeigen“.

Ja, ich lese Passagen aus meinem Buch und spiele dazu die passenden Songs. Es ist kein festes Programm, das ist das, was ich an kleinen Veranstaltungen schätze. Ich kann mich treiben lassen und auf das Publikum reagieren.

Udo Lindenberg hat das Vorwort zum Buch geschrieben. Darin erzählt er, wie Sie sich mit Demokassette in seine Garderobe geschlichen haben.

Ja, das war sein legendäres Konzert 1990 in Leipzig und ich habe mich hinter die Bühne gemogelt, bin bis ins Allerheiligste vorgedrungen und stand auf einmal vor ihm. Das werde ich nie vergessen.

Und seitdem sind Sie mit ihm befreundet?

Nee, das kam erst ein Jahr später, als wir uns wiedergetroffen haben. Das war in Hamburg, als ich mit den Prinzen die erste Platte aufgenommen habe. Udo kam auf einmal rein und hat sich dafür interessiert, was die Jungs aus dem Osten machen. Später hat er uns mit auf Tour genommen, was total chaotisch war und gleichzeitig der absolute Hammer. Vor drei Jahren habe ich ihn in Leipzig bei dem Lied „Rock ’n’ Roll Arena in Jena“ auf dem Klavier begleitet. Darin singt er: „Ich würd’ so gerne bei euch mal singen meine Freunde in der DDR“. Als ich das Lied das erste Mal gehört habe, hatte ich das Gefühl, er singt es nur für mich. Das mit ihm zu spielen, war einfach toll.

Vom „Herzbuben“ zum „Prinzen“

Sebastian Krumbiegel wurde 1966 in Leipzig geboren. Von 1976 bis 1985 war er Mitglied des Thomanerchors. Danach studierte er Musik in Leipzig. Als Schüler war er Mitglied verschiedener Rockbands.

Während seines Studiums gründete er 1987 die Herzbuben, ab 1991 und nach personellem Wechsel hieß die Band ab 1991 Die Prinzen.

Im Kunstmuseum Ahrenshoop wird Sebastian Krumbiegel aus seinem Anfang 2017 erschienenen Buch „Courage zeigen“ lesen und passende Songs zum Buch spielen.

Info: Beginn der Lesung ist um 20 Uhr (Kunstmuseum Ahrenshoop, Weg zum Hohen Ufer 36), Eintritt: 28 Euro

Stefanie Büssing

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