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„Unverhüllt schön“: Nackedeis in Osteuropa

Berlin „Unverhüllt schön“: Nackedeis in Osteuropa

Der Berliner Eulenspiegel Verlag legt einen Band zur osteuropäischen Aktfotografie von 1945 bis 1990 vor, der eine Lücke in der Rezeption des Genres schließt

Berlin. Der Eiserne Vorhang. Für den menschlichen Körper eher undurchlässig. 28 Jahre trennten Grenzen der Ostblockstaaten nicht nur Staaten, Systeme und Ideologien. Sie sorgten dafür, dass Menschen nicht frei reisen konnten und sollten dafür sorgen, dass kultureller Austausch zwischen West und Ost nur innerhalb ideologischer Normen und Zensurbestimmungen stattfinden konnte. Bestes Beispiel ist die Musikszene mit Konzertabsagen für Udo Lindenberg oder BAP in der DDR. Was in diesem Zusammenhang weniger bekannt ist, betrifft die Aktfotografie.

Osteuropa – mit Künstlern aus der DDR, Tschechien, Polen, Ungarn, dem Baltikum und Bulgarien – war ein Zentrum der Aktfotografie. Zum Teil weil Einwohner in der DDR oder dem Baltikum, das traditionell skandinavisch beeinflusst ist, weniger prüde waren als im Westen Europas. Zum Teil auch weil dieses Genre ein Stück weit als Symbol für Freiheit stand. Und: Es war ein besonderes Feld künstlerischer Betätigung, das mehr Raum bot, mit Zensur zu spielen, da die Zensoren von der Bildsprache überfordert waren.

In dem Band „Unverhüllt schön“, der im Berliner Eulenspiegel Verlag erschienen ist, heißt es: „Die Fotografien zeigen nicht nur eine Auswahl aus dem, was in der genannten Zeit und Region entstand, sondern vor allem daraus, was damals in Ostdeutschland, der ehemaligen DDR, für publikationsmöglich- und -wert gehalten wurde, immer mit Blick auf die stets drohende (Nach-)Zensur, die zur Selbstzensur anhielt sowie zum Widerstand eben dagegen.“

Aktfotografie als Widerstand. Der Bildband zeigt auf 191 Seiten, dass der Eiserne Vorhang nicht so dicht war, dass sich Aktfotografen in allen Teilen der Welt nicht hätten inspirieren lassen. Der Zeitgeist änderte sich eben auf diesem Wege. Was in Kunst und Medien vor 50 Jahren für Aufregung gesorgt hätte, ist heute Normalität – siehe die Performancekunst-Bewegung, die mit Nacktinszenierungen seit den 60er Jahren für Skandale sorgt und aus der Lady Gaga hervorgegangen ist, deren Body-Inszenierungen heute niemanden aufregen.

Das Genre Fotografie war also zu Zeiten des Kalten Krieges weltweit ein durchlässiges. Umso trauriger ist es, dass die Rezeption dazu es nicht war. 2012 erschien in Köln der Band „Die Geschichte der Aktfotografie“. Doch Fotografen wie František Dostál aus Tschechien, Peeter Tooming aus Estland, Aleksandras Ostašenkovas aus Litauen, Gábor Módos aus Ungarn, Sergei Wassiljew aus Russland oder Dimitar Nestorov aus Bulgarien kommen darin nicht vor. Osteuropa in der Aktfotografie – ein weißer Fleck.

Daher begreift „Eulenspiegel“ den Band „Unverhüllt schön“ zwar als eigenständiges Werk, aber auch als Ergänzungsband zur „Geschichte der Aktfotografie“. Die Bilder stammen aus dem Archiv des Fotokinoverlags Halle/Leipzig. Nach der Auflösung des Verlags 1992 ging der Bestand als Dauerleihgabe an das Kunstmuseum Moritzburg des Landes Sachsen-Anhalt, das die Fotografien zur Verfügung gestellt hat. So sei die Provenienz zugleich „Klammer als auch Krux“ der Auswahl. Sie gibt den roten Faden vor und zeigt, dass vieles, was zu jener Zeit an jenen Orten entstanden ist, gar nicht zur Kenntnis genommen wurde oder in Vergessenheit geraten ist.

Michael Meyer

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