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Kultur Urängste in entmenschlichter Welt
Nachrichten Kultur Urängste in entmenschlichter Welt
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00:01 06.02.2018
„Auf verwachsenem Pfade“ mit Laura Christea, Armen Khachatryan, Dominic Harrison, Zoe Ashe-Browne und Stefano Fossat Quelle: Foto: Vincent Leifer

„Der Mensch ist dem Menschen Wolf“ – dieses Menschenbild propagierte der englische Philosoph und Staatstheoretiker Thomas Hobbes bereits 1651 in seinem Werk „Leviathan“. Darin entwirft Hobbes einen Naturzustand, in dem die Menschheit ohne Gesetz und ohne Staat lebt. Es herrscht Gewalt, Anarchie und Gesetzlosigkeit, die Menschen führen Krieg, jeder gegen jeden. Ein ähnlich düsteres Szenario entwirft Ballettdirektor Ralf Dörnen mit seiner Choreografie zu Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“. Bereits vor zehn Jahren hatte sich Dörnen des Stoffes angenommen – am Sonnabend hatte seine Neufassung in Stralsund Premiere.

Es ist ein apokalyptisches Bild der Zukunft, das Dörnen zeichnet: die Welt als düstere Müllkippe, in der Pflanzen und Tiere längst ausgerottet sind. Zwischen Plastiksäcken, ausgedienten Elektrogeräten und einer rostigen Badewanne kriechen und winden sich die letzten menschlichen Kreaturen hervor. Fast scheint es, als würde hier Hobbes Menschenbild vertanzt – eine anarchische Welt, in der es ums nackte Überleben geht. Dörnen spielt mit menschlichen Trieben, Urinstinkten und Urängsten, die sich in zunehmender Gewaltbereitschaft manifestieren. Fast entmenschlicht wirken seine mal zombiehaft, dann wieder mit tierischem Habitus agierenden, von Dreck und Blut verklebten Tänzer, die in jenem selbstverschuldeten Endzeitszenario auf einen schrecklichen Höhepunkt zusteuern: Aus der Gruppe wird ein Opfer (Leander Veizi) auserwählt, das sich blutüberströmt im Todeskampf auf der Bühne windet und letztlich seiner eigenen Art zum Opfer fällt. Eindringlich, intensiv und brillant-schockierend ist Dörnens Interpretation einer durch den Menschen entmenschlichten Welt.

Musikalisch untermalt von Strawinskys eruptivem Werk, das – nicht zuletzt wegen seiner Dissonanzen – 1913 bei der Uraufführung für einen Skandal gesorgt hatte und beim Publikum gnadenlos durchgefallen war. Während es bei der Uraufführung um eine Jungfrau geht, die dem Frühlingsgott zur Versöhnung geopfert wird, hat Dörnen den Stoff ins Heute oder besser, ins Morgen geholt. In eine Welt, die sehenden Auges dem Abgrund entgegensteuert, wie der Ballettdirektor selbst sagt. Das Grundkonzept von vor zehn Jahren ist gleich geblieben, verrät Dörnen. Nur Kleinigkeiten hat der Choreograf verändert. Dennoch sei das Stück aktueller, ja kraftvoller denn je.

Jenem impulsiven zweiten Teil des Abends hatte der Ballettdirektor vorab mit dem Klavierzyklus „Auf verwachsenem Pfade“ von Leoš Janácek – mit dem Werk verarbeitet der Komponist den Tod seiner Tochter – eine zarte musikalische Komponente vorangestellt: In der erstmals vertanzten Version geht es um Erinnerungen, die Miguel Rodriguez (begleitet von Johann Blanchard am Klavier), auf seinem Dachboden überkommen. Verkörpert werden diese von den Tänzern des Ballett Vorpommern. Transparente Kleidung und zerfasernde Nähte symbolisieren die Schemenhaftigkeit und Fragilität der Erinnerungen, die sich zu einem Bild zusammensetzen und ebenso schnell wieder verblassen. Leise, nachdenklich und dennoch intensiv erspürt der Zuschauer alle Emotionen menschlichen Lebens und erfühlt damit nicht nur die Dörnensche Interpretation, sondern auch seine eigene Vergangenheit.

Weitere Termine

„Le sacre du printemps“ / „Auf verwachsenem Pfade“: 24. Februar, 19.30 Uhr (Großes Haus, Greifswald); 4. März, 16 Uhr (Großes Haus, Stralsund); 9. März, 19.30 Uhr (Theater Putbus); 17.

März, 19.30 Uhr (Greifswald); 24. März, 19.30 Uhr (Stralsund); 30. März, 19.30 Uhr (Greifswald); 8. April, 16 Uhr (Greifswald); 28. April 19.30 Uhr (Greifswald); 18. Mai, 19.30 Uhr (Stralsund);

20. Mai, 18 Uhr, (Putbus); 27. Mai, 18 Uhr (Greifswald).

Infos: www.theater-vorpommern.de

Stefanie Büssing

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