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Uraufführung „Point Of No Return“ in München

Experiment Uraufführung „Point Of No Return“ in München

Nur drei Monate nach dem Amoklauf von München mit neun Todesopfern wagen die Kammerspiele ein ebenso riskantes wie spannendes Projekt und bringen mit „Point Of No Return“ eine Satire über den Schreckensabend auf die Bühne. Ein Beitrag gegen die Terror-Hysterie.

München. Wo warst Du beim Amoklauf? Das Theaterstück „Point Of No Return“ hat das auf die Bühne der Kammerspiele gebracht, worüber die Münchner in der allerjüngsten Vergangenheit mutmaßlich am meisten gesprochen haben.

Die israelische Regisseurin Yael Ronen zeigt nur rund drei Monate nach der schrecklichen Tat vom 22. Juli, bei der der 18-jährige David S. im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und sich selbst erschoss, was an diesem denkwürdigen Abend in den Köpfen der Münchner vorging.

Ungeheuer eindringlich und vor allem mit entlarvendem Humor zeigt das Stück am Donnerstagabend bei der Uraufführung, wie an dem Mehrfachmord unbeteiligte Menschen sich an diesem Abend vor allem Sorgen um das Bild machten, das sie abgeben, über die Rolle, die sie an diesem denkwürdigen Abend spielen wollten. Dafür verschwimmen in dem deutsch-englischen Stück die Rollen der Schauspieler mit den Darstellern selbst.

„Ich bin einfach angefangen, zu rennen - ohne zu fragen, warum“, sagt der Australier Damian Rebgetz auf der Bühne. „Ich wollte schließlich nicht uninformiert wirken.“ Dejan Bućin schildert, wie er in dem Billig-Klamottenladen, in dem er sich verschanzt, nach einem Ladekabel für sein Handy sucht, um sich auf Facebook mitzuteilen („In diesem Moment starb das Handy in meinen Armen“). „Ich dachte, das sind Touristen; sie machen so komische Dinge - oder sie suchen Pokémon“, sagt die Serbin Jelena Kuljić über die panischen Massen in der Münchner Innenstadt.

Und Wiebke Puls lässt ihr Bühnen-Ich zunächst verkünden: „Mein erster Gedanke war: Wow, wir sind die Ersten - und nicht Berlin“ - um schließlich die Enttäuschung kundzutun, die sich ausbreitete, als klar war, dass es sich nicht um einen Terroranschlag, sondern um einen Amoklauf handelt. „Wie peinlich.“ Niels Bormann erzählt von dem Traum, wie er seinen französischen Freunden den Satz „Je suis Munich“ ins Deutsche übersetzt.

Es sind die Karikaturen ihrer selbst, die Ronen den Darstellern abverlangt. „Du vergrößerst sie, wie ein verzerrter Spiegel“, sagt sie in einem Interview im Programmheft zur Inszenierung. In einem solchen Spiegel, der die Bühnenwände ziert, sehen die Zuschauer nicht nur die Darsteller aus den unterschiedlichsten Perspektiven, in denen sich ihre Aussagen - wie die Gerüchte am Abend des Amoklaufes - multiplizieren. Das Publikum sieht auch die ganze Aufführung lang sich selbst. Schließlich will das Stück das Seelenleben der Münchner an diesem Schreckensabend widerspiegeln.

Eigentlich wollte die Regisseurin sich unter dem Titel „Point Of No Return“ damit beschäftigen, wie die Zukunft des Sex in Zeiten von Dating-Apps und Cyber-Sex aussehen kann - doch dann, schon während der Proben, kam der Amoklauf und stellte alles auf den Kopf. Nun geht es auf der Bühne darum, wie die schreckliche Realität sich mit Angstvorstellungen und falsch verstandenen Erwartungshaltungen verbindet und noch schrecklichere Szenarien auf den Plan ruft. Am Abend des Amoklaufes kam es durch die Anrufe ängstlicher Bürger bei der Polizei zu mehr als 60 falschen Terroralarmen in der ganzen Stadt.

Passenderweise ist die Bühne (Wolfgang Menardi), auf der die Darsteller vor allem monologisieren, ein in Schieflage geratenes Zerrbild, auf dem nur eine kleine Insel mit grünen Bäumen, Rehen und Hirschen an das bayerische Idyll erinnert.

„Es fühlte sich nicht nur an wie das Attentat eines Einzelnen, sondern wie der Beginn von etwas, das die gesamte Stimmung verändert“, sagte Ronen. „Als ob jeder so etwas erwartet hätte, um dann schließlich wie in einem Spiel in ein neues Level aufzusteigen.“ Ein Punkt, von dem eine Umkehr nicht mehr möglich ist.

Misstrauen und Verdächtigungen gibt es schließlich nach dem Amoklauf und den Terroranschlägen von Paris, Brüssel, Ansbach und Würzburg zuhauf. „Ich finde es verdächtig, wenn die Leute ihre Häuser verlassen“, sagt Rebgetz auf der Bühne. Wozu denn auch? Man könne doch schließlich alles online bestellen.

Nach anderthalb Stunden werden die Schauspieler und das Regie-Team gefeiert, die den Münchnern an diesem Abend vor allem zurufen: Entspannt Euch wieder! „Ich möchte Sie an etwas erinnern: Sie werden sterben“, sagt Bormann direkt zu Beginn der Aufführung zum Publikum: „Soweit ich weiß, ist das nicht verhandelbar.“

Schade ist nur, dass Regisseurin Ronen sich nicht auf die Kraft der Satire verlässt, sondern Darsteller Bućin in aller Breite referieren lässt, was statistisch gesehen eine größere Gefahr darstellt als der globale Terror - nämlich so ziemlich alles: angefangen vom Herzinfarkt über Krebs und Diabetes bis hin zum besten Freund des Menschen, dem Hund. Dabei hätte es diese etwas platte Moralkeule gar nicht gebraucht. Der Theaterabend ist auch so ebenso beeindruckend wie unterhaltend. Ein wichtiger Beitrag gegen die Hysterie.

dpa

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