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Kultur Variationen über ein Leben
Nachrichten Kultur Variationen über ein Leben
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00:00 14.02.2017

Was waren das für Zeiten! Junge Leute in den USA interessierten sich für Baseball und Basketball, kleine Geschäftsleute konnten zu großen Geschäftemachern werden, die Welt war in Ordnung damals. Eigentlich ein Gegenentwurf zur Trump-Welt von heute, in der nicht mehr Politik, sondern nur noch Politik-Ersatzstoffe die Schlagzeilen bestimmen.

Was waren das für Zeiten! Junge Leute in den USA wurden an ihren Colleges, so sie denn die Gelegenheit hatten, ein solches zu besuchen, disziplinarisch unter der Knute gehalten, sie durften sich nicht politisch äußern, den Jungen drohte der Einsatz in Vietnam.

Was waren das für Zeiten! Ein junger Mann in den USA entdeckt seine Bisexualität, geht nach Paris und schreibt dort einen Roman, der ein potenzieller Bestseller ist und in London herauskommen soll.

Leider schaut er in London beim Überqueren einer Straße in die falsche Richtung – Ende der Schriftstelller-Karriere.

Was waren das für Zeiten! Ein Junge in den USA freut sich sehr auf den Aufenthalt im sommerlichen Ferienlager, auf Baseball und Basketball. Da zieht ein Gewitter auf, der Blitz schlägt in einen Baum ein, ein herabfallender Ast tötet den Jungen.

Vier Versionen der Beschreibung derselben Zeit, vier Variationen über ein Leben – und gleichzeitig die Beschreibung des erzählerischen Rahmens von Paul Austers neuem Roman „43 21“. Ein außergewöhnlicher Roman, nicht nur durch seine Dimensionen. 1258 Seiten umfasst der in edlem Halb-Dünndruck verlegte Band, gleich vier Übersetzer haben sich mit dem Buch beschäftigt (Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl). Deshalb klingen die vier Handlungsstränge auch alle etwas anders.

Paul Auster hat das frühe Leben eines Menschen in vier Variationen beschrieben. Archibald Isaac Ferguson heißt die Hauptperson – alle nennen ihn Archie. Er stammt aus jüdischer Familie in der Nähe von Newark in New Jersey und erlebt die erstaunlichsten Dinge. Nicht lange lebt der eine Archie, der andere beendet seine vielversprechende Baseball-Karriere nach dem Tode eines Mitschülers, der nächste erweist sich als literarisches Wunderkind, der vierte schließlich wird nach einem Abstecher in den Journalismus auch Schriftsteller. Ganz normal alles – aber wie Paul Auster diese vier Handlungsebenen miteinander verbindet, oder besser: verschlingt, das ist meisterhafte Erzählkunst. Die beginnt schon mit der ersten Szene des Romans. Der Vorfahr der Ferguson-Sippe kommt als armer Einwanderer namens Reznikoff aus Minsk in New York an. Ein Mitreisender rät ihm, den Namen Rockefeller anzunehmen. Das verdrängt Reznikoff sofort wieder, und als ein Einwanderungsbeamter ihn nach seinem Namen fragt, sagt er auf Jiddisch: „Ich hob fargessen!“ Und so wird aus Isaac Reznikoff Ichabod Ferguson.

Mit den vier Archies erlebt man, wie sich die amerikanische Gesellschaft nach Ende des Zweiten Weltkrieges transformierte. Die dumpfen Jahre unter Präsident Eisenhower enden, Hoffnunsgträger Kennedy tritt in den Ring und wird ebenso ermordet wie der Schwarzen-Führer Martin Luther King. Die Studenten gehen auf die Straße, Rassenkrawalle erschüttern das Land, die Haare der Jungen werden länger und die Röcke der Mädchen kürzer.

Diese Transformation von der autoritären zu einer liberalen – und teilweise sogar libertären – Gesellschaft beschreibt Paul Auster mit wunderbarer Klarheit und sprachlicher Eleganz.

Dass er in seinem Großwerk auch eigene unveröffentlichte Texte aus seiner Jugendzeit unterbringt, macht diesen Roman noch authentischer. Denn vom Himmel ist noch kein Meister gefallen, auch die größten Schriftsteller haben irgendwann klein angefangen.

Obwohl Archie Fergusons vier Leben dem einen des Paul Auster in manch einem Punkt ähneln, ist „43 21“ kein autobiografischer Roman. Archie Ferguson ist auch kein Mann ohne Eigenschaften, der die Zeitläufte miterlebt ohne jeden Versuch, sie zu beinflussen oder gar zu verändern. Archie Ferguson ist ein ganz normaler Teenager aus einer nicht ganz normalen jüdisch-amerikanischen Familie, mal mit mehr, mal mit weniger Talent in den verschiedensten Bereichen begnadet.

Archies vier Leben enden spätestens mit dem Abgang von der Universität, seine Schritte zum wirklichen Erwachsenendasein erleben die Leser nicht mehr mit. Was sie aber miterleben, ist, dass mit Richard Nixon erstmals die offene Kriminalität ins Weiße Haus eingezogen ist. Heute ist Populismus der übelsten Art dort zu Hause. Hoffentlich schreibt Paul Auster darüber auch einen Roman.

Jürgen Feldhoff

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