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10:06 29.04.2016
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Solingen

Dichter humoriger Reime, anarchistischer Entertainer auf den Kabarett-Bühnen in Berlin, das ist das heutige Bild von Joachim Ringelnatz (1883-1934).

Dass der ehemalige Seemann mit seinen sarkastischen Versen in der Weimarer Republik auch ein erfolgreicher Maler war, Freund von Otto Dix und George Grosz, weiß kaum noch jemand. Während die Gedichtbände bis heute verlegt werden, taucht der Name Ringelnatz im Kanon der Malerei nicht auf.

Kein Wunder, denn ein großer Teil der von den Nazis als „entartet“ gebrandmarkten Werke ist seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen. Nur bei knapp zwei Dritteln des Ringelnatz-Gesamtwerks von 213 Kunstwerken kennt man den Standort: oft sind es Depots von Museen oder private Besitzer. Das im Dezember offiziell eröffnete Zentrum für verfolgte Künste in Solingen will Ringelnatz nun mit einer großen Retrospektive als Maler rehabilitieren.

Für die Schau „War einmal ein Bumerang. Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück“ hat das Zentrum Werke von Museen und privaten Sammlern bekommen, etwa aus dem Nachlass des 2015 gestorbenen Harry Rowohlt. Dessen Vater Ernst Rowohlt hatte die Gedichtbände von Ringelnatz auch nach der Machtübernahme der Nazis 1933 weiter verlegt - und dessen Bilder gesammelt.

Einen ganz besonderen Fund machte Kurator Jürgen Kaumkötter in Berlin bei Synchronsprecher Norbert Gescher. Er ist der Sohn von Ringelnatz' Witwe, die nach dem Tod des Künstlers 1934 erneut heiratete. Gescher hortet in einer Kiste auch Fotos vieler Bilder von Ringelnatz, die seine Mutter nach dem Tod ihres Mannes in einer Art Generalinventur in seinem Berliner Atelier abfotografieren ließ.

So sind in Solingen nicht nur rund 50 der oft surrealen und düsteren Gemälde und Aquarelle von Ringelnatz zu sehen, sondern auch zwei Wände voller Schwarz-Weiß-Fotos der Werke, die heute als verschollen gelten. „Viele Bilder wurden schon kurz vor dem Zweiten Weltkrieg nach Schlesien ausgelagert“, sagt Kaumkötter. Dort hatte Ringelnatz einst bei einem Grafen als Bibliothekar gearbeitet. Was mit den Bildern geschah, weiß niemand.

Schon 1923 stellte Ringelnatz bei dem berühmten Galeristen Alfred Flechtheim aus und verkaufte seine Kunst höchst erfolgreich. Der jüdische Sammler Westheim etwa erwarb den „Dachgarten der Irrsinnigen“ (1925), ein Schlüsselwerk Ringelnatz' auf dem Weg zum eigenständigen Maler. Das Bild gelangte nach einer Odyssee ins Clemens Sels Museum in Neuss, wo es nach der Restitution 2013 auch verbleiben durfte. Nun wird es in Solingen gezeigt.

Auf dem Bild feiern Verrückte und Unglückliche ein makabres Fest, eine Mutter erschießt ihre bereits strangulierte Tochter, einer springt in die Tiefe, Betrunkene werden zu Geistern. Die Bilder von Ringelnatz sind überhaupt nicht lustig, sondern oft unheimlich und beängstigend. Immer sind die Menschen inmitten der Naturgewalten ganz winzig. Ringelnatz male die „gefrorenen Abgründe der menschlichen Seele“ in einer „eiskalten Genauigkeit“, schreibt Kaumkötter im Ausstellungskatalog.

Der Autodidakt Ringelnatz, der schon als Kind zeichnete, pflegte als Maler eine virtuose Vielfalt. Die sturmgepeitschten Wellenkämme seines Bildes „Rettungsboot“ sind dramatisch wie der Himmel im Gemälde „Das Urtier“. Dagegen zeigt das surreale Bild „Kindheit“ ein lesendes Mädchen in einem Hinterhof, das gefangen scheint zwischen haushoch gestapelten Baumstämmen.

Ein sattgrünes „Urwald“-Bild erinnert an die „naive“ Malerei eines Henri Rousseau. Dann wieder verlieren sich miniaturartige Menschen im Schneesturm, oder Ringelnatz malt sein großartiges Bild „Polareis“, das Wasser in allen erdenklichen Zuständen und Farben von Gischt bis Eis zeigt. Ringelnatz war außerdem einer der ersten Künstler, der den Ausblick aus dem Flugzeug auf Wolken und grüne Felder künstlerisch im Bild festhielt.

Das Faszinierende: „Die Bilder sind komplett selbstständig“, sagt Kaumkötter. „Er ist kein malender Dichter.“ Einige der Meisterwerke von Ringelnatz wie etwa sein prophetisches Bild „Flucht“ von 1933 sind der Nachwelt nur noch durch die grobkörnigen Fotos in Schwarz-Weiß bekannt. Doch eines der verschollenen Bilder tauchte kürzlich wieder auf: Das Bild „11 Uhr nachts“ wurde im Fundus des Kunsthändlersohnes Cornelius Gurlitt entdeckt.

dpa

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