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Kultur „Vernichtender Fortschritt“ auf Usedom
Nachrichten Kultur „Vernichtender Fortschritt“ auf Usedom
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17:51 24.02.2018
Philipp Aumann, Kurator im Museum Peenemünde, steht in der Sonderausstellung „Vernichtender Fortschritt“. Quelle: Fotos: Stefan Sauer/dpa

Peenemünde. Peenemünde war kein autarkes Entwicklungszentrum für Raketenwaffentechnik, sondern stark in Fertigung und Einsatz der V2-Waffen involviert. In seiner neuen Ausstellung mit  dem Titel „Vernichtender Fortschritt.  Serienfertigung und Kriegseinsatz der Peenemünder ,Vergeltungswaffen’“ zeigt das Historisch-Technische Museum auf dem Areal der früheren NS-Heeresversuchsanstalt, wie die wissenschaftliche und technische Leitung Peenemündes in Kriegseinsatz und Serienfertigung der Waffen eingebunden war beziehungsweise diese kontrollierte. Das Heereswaffenamt und das Entwicklungswerk in Peenemünde seien in die Raketenfertigung im Mittelwerk Dora voll integriert gewesen, sagte Ausstellungskurator Philipp Aumann. Es habe nicht nur einen abstrakten Wissenstransfer gegeben. Die Peenemünder Ingenieure waren für die Sicherstellung der Produktionsabläufe unverzichtbar.

Der Nachbau einer V2-Rakete steht auf dem Gelände in Peenemünde.
Blick in die Sonderausstellung im Kraftwerk der einstigen Heeresversuchsanstalt Peenemünde, das das Historisch-Technische Museum beherbergt.

Laut einem Besprechungsprotokoll vom 30. März 1944 beansprucht der Kommandeur der Heeresversuchsanstalt Peenemünde Walter Dornberger noch im Frühjahr 1944 die Hoheit über das Projekt, obwohl die Fertigung der Waffen zu diesem Zeitpunkt bereits in ein Bergwerk im südlichen Harz ausgelagert worden war. Die Einsatzbatterie 444 sei eine ausführende Einheit, aber „hier wird entschieden“, zitiert das Protokoll Dornberger.   

Die vom Museum erarbeitete Sonderschau vertieft mit neuen Dokumenten auf etwa 250 Quadratmetern Ausstellungsfläche die Dauerausstellung über die im Norden Usedoms entwickelten Waffen. Neben der propagandistischen Wirkung der Waffen, den Opfern und Zwangsarbeitern werde der Blick auf wirtschaftsökonomische Fragen gelenkt, sagte der Ausstellungskurator Philipp Aumann. Zu sehen seien etwa 180 Fotos, Filme, Dokumente und Objekte, die aus dem Peenemünder Archiv, dem Bundes-Militärarchiv Freiburg oder aus Memoiren und Notizbüchern von Soldaten und Ingenieuren stammten, die als Schenkungen ans Museum gingen. Eines der prägnantesten Exponate ist ein originales Raketentriebwerk, das 1944 in England kurz vor London einschlug, dort in einer Scheune verwahrt wurde und in den letzten Jahren an das Museum als Schenkung ging. Zudem werde ein Gemälde mit dem Titel „Fortissimo“ von Klaus Ritterbusch präsentiert. Es zeigt das Kraftwerk Peenemünde und fragt nach der Rolle des Ortes. In Reaktion auf die Bombardierung Peenemündes im Sommer 1943 wurde die Fertigung der Waffen in ein aufgegebenes Bergwerk im südlichen Harz bei Nordhausen ausgelagert. Anfang Oktober 1943 wurde die Mittelwerk GmbH als Zusammenschluss privater und reichseigener Unternehmen gegründet. Insgesamt wurden 60 000 Häftlinge, hauptsächlich Polen, Russen und Franzosen, in den KZ-Komplex und unterirdischen Produktionsstandort Mittelbau-Dora gebracht, von denen 20 000 das Kriegsende nicht erlebten. Die Heeresversuchsanstalten waren von 1936 bis 1945 das größte militärische Forschungszentrum Europas. Bis zu 12 000 Menschen gleichzeitig arbeiteten im hermetisch abgeschlossenen Norden Usedoms an neuartigen Waffensystemen wie der „V1“ und „V2“.

Die gestern eröffnete Sonderschau, die bis Januar 2019 gezeigt wird, ist wie die Vorgängerausstellungen „Rüstung auf dem Prüfstand“  und „Wunder mit Kalkül“, ein vorbereitender Schritt zur neuen Dauerausstellung. Die soll voraussichtlich 2021 öffnen.

Größtes militärisches Forschungszentrum in Europa

Usedom: Die Heeresversuchsanstalten Peenemünde  waren von 1936 bis 1945 das größte militärische Forschungszentrum Europas. Bis zu 12 000 Menschen gleichzeitig arbeiteten im hermetisch abgeschlossenen Norden der Insel an neuartigen Waffensystemen wie der „V1“ und „V2“. Als Terrorwaffen gegen die Zivilbevölkerung konzipiert und größtenteils von Zwangsarbeitern gefertigt, gelangten sie ab 1944 als „Vergeltungswaffen“ zum Einsatz im Zweiten Weltkrieg. Im Museum Peenemünde wurde dazu gestern eine neue Sonderausstellung eröffnet. Zu sehen sind 180 Fotos, Filme, Dokumente und Objekte.

Martina Rathke

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