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Verräter oder Patrioten?

Berlin Verräter oder Patrioten?

Eine neue Ausstellung in der Berliner Gedenkstätte des Deutschen Widerstands zeigt die weltweite Bewegung „Freies Deutschland“

Berlin. Im Sommer 1943 wollte die Sowjetregierung der Wehrmachtsführung ein Angebot machen: Zu jener Zeit nach der deutschen Niederlage von Stalingrad hätte es zu Friedensverhandlungen kommen können. Es gab eine Aufforderung zum Sturz Hitlers und zur Rückführung der deutschen Truppen an die Reichsgrenzen. Wenn es so gekommen wäre, dann hätte möglicherweise nie ein Rotarmist deutschen Boden betreten.

Das Sprachrohr, das Moskau für seine Offerte benutzte, war das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ (NKFD). Am 12./13. Juli 1943 auf Initiative der Sowjets und mit dem Segen Stalins in Krasnogorsk bei Moskau gegründet, vereinte die Organisation Hitlergegner aller Couleur: kriegsgefangene Soldaten und Offiziere, kommunistische Emigranten, Schriftsteller, Theatermacher und andere Intellektuelle.

Die 38 Gründungsmitglieder unterzeichneten ein Manifest, das den Kurs des Komitees definierte: Es rief alle Deutschen zum Kampf gegen Hitler auf und forderte mit patriotischen Leitsätzen die Gründung einer „starken demokratischen Staatsmacht“. Bewusst wurde kommunistische Phraseologie vermieden. Die Farben des Komitees zielten mit Schwarz-Weiß-Rot des Kaiserreichs eher auf nationalkonservative Assoziationen ab als auf die schwarz-rot-goldene Demokratie von Weimar.

Dieses Komitee, das im September 1943 durch den Bund deutscher Offiziere (BDO) erweitert wurde und in dem Stalin anfangs so etwas wie eine mögliche deutsche Exilregierung sah, ist seit 1945 Streitobjekt deutscher Geschichtsschreibung. Waren sie Verräter oder Patrioten? — diese Deutschen, die sich mit den Russen im Krieg an einen Tisch setzten und einen Propagandafeldzug gegen Hitler entfachten, der es in sich hatte: Flugblätter in riesigen Auflagen, Lautsprecher-Appelle an der Front, Rundfunksender, Zeitung, Agitation unter Kriegsgefangenen. War das Komitee gar Keimzelle der DDR? Eine Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin nimmt sich der Sache erneut an und versucht, über die Biografien einzelner Akteure, Motivation und Absicht der Bewegung deutlich zu machen. Unter dem Titel „Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen“ werden auf 19 Schautafeln mit Fotos, Zeitungsausschnitten, Briefen, Flugblättern und anderen Dokumenten Lebenswege von Widerständlern aus der weltweiten Bewegung „Freies Deutschland“ gezeigt.

In der „Moskauer Ecke“ durfte Rudolf Herrnstadt (1903—1966) nicht fehlen — der jüdische Intellektuelle aus Oberschlesien, seit 1929 KPD-Mitglied, Verfasser des NKFD-Manifests, Chefredakteur der Wochenzeitung „Freies Deutschland“, später bedeutendster Pressemann der DDR („Neues Deutschland“, „Berliner Zeitung“), der in Warschau vor dem Krieg für den russischen Militärgeheimdienst GRU arbeitete und in der DDR zum Kandidaten des Politbüros aufstieg. Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 stürzte Herrnstadt tief; die SED-Führung hielt intellektuelle Freidenker nicht aus, die ihrer eigenen Partei kleinbürgerliche Engstirnigkeit vorhielten. Der in Leipzig gebürtige SED-Chef Walter Ulbricht (1893—1973), einst selbst NKFD-Mitglied, siegte im Machtkampf und verstieß Herrnstadt in ein staubiges Archiv nach Merseburg, wo er — aller Ämter und Funktionen enthoben — ein entwürdigendes Dasein bis zu seinem Tod 1966 in Halle/Saale fristete.

Da ist Walther von Seydlitz (1888 — 1976), alter deutscher Adel, General der Artillerie, der offenbar einsieht, dass es mit Hitler nicht weitergeht. Er wird Präsident des BDO und einer der fünf Vizepräsidenten des NKFD — und belässt es nicht bei Frontpropaganda. In zwei Memoranden bittet er die Sowjetführung, ein deutsches Korps aus 40000 Freiwilligen zu genehmigen, die mit der Waffe in der Hand bei der Zerschlagung des Hitlerregimes helfen sollten. Seydlitz, der auf die Erhaltung Deutschlands in den Grenzen von 1937 und die Errichtung einer demokratischen Regierung hoffte, wurde für seine Kooperation mit Moskau in Deutschland zum Tode verurteilt, seine Familie in Sippenhaft genommen.

Die „Seydlitz-Armee“ wurde von Stalin nie genehmigt, der General nach dem Krieg nicht freigelassen, sondern 1950 in der Sowjetunion u.a. wegen „Mordtaten an der Zivilbevölkerung“ verurteilt. Erst 1955 durfte er heimkehren und hatte in der Bundesrepublik als „Verräter“ keinen leichten Stand.

Der Wehrmachtsdeserteur Max Emendörfer (1911-1974) saß als NKFD-Vizepräsident mit Seydlitz von 1943 bis 1945 am Versammlungstisch. Der eine Schuhmacher und Kommunist, der andere Vollblut-Militär und Nationalkonservativer, fanden sie eine gemeinsame Sprache, wenn es gegen Hitler ging.

Das will die Ausstellung in Berlin zeigen, dass das Bündnis breit war, quer durch verschiedene weltanschauliche Richtungen. Auch Emendörfer, der als Kommunist in den 1930er Jahren in den KZ Esterwegen und Sachsenhausen in „Schutzhaft“ gesessen hatte, sich nach seiner Entlassung freiwillig zur Wehrmacht meldete und im Januar 1942 zur Roten Armee überlief, stürzte nach 1945 tief. Unter dem Vorwurf, Agent der Gestapo gewesen zu sein, wurde er in Berlin vom russischen Geheimdienst verhaftet und in den Lagern Hohenschönhausen und Sachsenhausen inhaftiert. 1947 ging es zurück in die Sowjetunion, wo seine, wie er es nannte, „Sibirische Odyssee“ begann, die 1953 in einer Verurteilung zu noch einmal zehn Jahren Verbannung mündete. Er kam 1956 frei, wurde von Berlin nach Halle abgeschoben, arbeitete als Redakteur der SED-Bezirkszeitung „Freiheit“ — und traf Herrnstadt wieder.

Wenn auch viele NKFD-Mitglieder in der DDR hohe Funktionen in Parteien, Massenorganisationen, Armee, Polizei und Verwaltung bekleideten, so zeigen die Beispiele Herrnstadt, Seydlitz, Emendörfer, dass die Definition „Keimzelle der DDR“ etwas kurz greift. Jedes Schicksal ist individuell, es geht um Menschen, nicht nur um politische Strategie und Taktik. Und es geht bei der Bewertung um „historische Substanz“, wie Professor Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, zur Ausstellungseröffnung betonte.

Das trifft auch auf die Bewegung „Freies Deutschland“ im Westen zu, die weniger ferngesteuerter Ableger Moskaus als ein von Enthusiasten in Frankreich, Griechenland und Lateinamerika vorangetriebenes Projekt war, das auf den Sturz Hitlers hinarbeitete. Ein Vertreter, den die Ausstellung würdigt, ist der Regisseur Falk Harnack (1913-1991), Bruder von Arvid Harnack (Rote Kapelle), der 1943 in München vom Volksgerichtshof freigesprochen wird. Abkommandiert zum Strafbataillon 999 nach Griechenland, flieht Harnack, schließt sich der griechischen Partisanenbewegung ELAS an und gründet das Antifaschistische Komitee „Freies Deutschland“, dessen Leiter er wird.

Zum Kriegsende gelingt es Harnack, eine 114 Mann starke Widerstandsgruppe von Griechenland über Jugoslawien bis Wien und dort 1945 „zurück ins Leben zu führen“, wie es André Lohmar formuliert. Das Vorstandsmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) sieht gerade im „Fall“ Harnack ein Beispiel für die „Breite und Tiefe“ der Bewegung „Freies Deutschland“.

Harnack eckte auch in der DDR an. Von 1949 bis 1952 war er künstlerischer Direktor bei der DEFA. Im Streit mit der SED um den Film „Das Beil von Wandsbek“ nach Arnold Zweig ging Harnack in den Westen und avancierte zu einem der wichtigsten Regisseure des deutschen Nachkriegsfilms.

* Jan Emendörfer (52) war 2008 -2012 Chefredakteur der OSTSEE-ZEITUNG und ist seitdem Chefredakteur der „Leipziger Volkszeitung“. Über seinen Vater veröffentlichte er 1997 das Buch „Verfemt — Mein Vater Max Emendörfer“.

Von Jan Emendörfer *

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