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Verschmitzt und zugenäht: Kunstmenschen aus Stoff

Verschmitzt und zugenäht: Kunstmenschen aus Stoff

Die Textilkünstlerin Alraune hat eine Welt aus Stoff geschaffen: 70 lebensgroße Figuren, Torten, Würste, Blutflecken – alles aus Textil und Leder genäht. In einem verlassenen Hotel zeigt sie ihr Werk.

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Die Künstlerin stellt im Privatmuseum im Gasthaus Schwanen in Haigerloch ihre Figur aus.

Quelle: Marijan Murat/dpa

Haigerloch (dpa) – Im Hotel Schwanen in der Kleinstadt Haigerloch am Rande der Schwäbischen Alb ist zum Tanz geladen: Die Damen tragen paillettenbesetzte Kleider und etwas Rouge auf den feinmaschigen Wangen, die Männer haben ihre feinsten Anzüge angezogen und greifen mit den fest ausgestopften Händen nach ihren Partnerinnen.

Hinter der grünen Holztür des 300 Jahre alten Hotels öffnet sich die phantastische Welt der Textilkünstlerin Stefanie Siebert (62). Sie hat in den vergangenen 37 Jahren 70 Figuren aus Stoff genäht - und alles, was in deren Welt gehört. Spiegeleier, Schlüssel, Schallplatten, Torten, ein Gewehr – im Ballsaal sind selbst die Kerzen genäht, deren heißes Wachs in Perlen abfließt. „Es gibt nichts, was man nicht nähen kann“, sagt Siebert, die mit dem Künstlernamen Alraune angesprochen werden will.

Alraune ist eine zarte Frau mit langen roten Haaren. Wenn sie durch das Treppenhaus ihres Hotels geht, schwingt der Rocksaum ihres rosenbedruckten Stoffkleides um die Beine, die in bunt bestickten Cowboystiefeln stecken. Das Haus ist die Heimat ihrer Kunstmenschen, die sie aus Trikotstoff näht und mit Watte ausstopft.

Alle ihre Figuren sind alt. Unter den Augen ist zu Falten geraffter Trikotstoff appliziert. Die aus Plastikmasse gefertigten Augäpfel sind bei manchem Mann von roten Äderchen überzogen, aus dem Hemdkragen quillt das Brusthaar. „Sie sind absichtlich nicht schön. Dafür gibt's Schaufensterpuppen“, sagt Alraune. Inspiration finde sie in Gesichtern, die geliftet, unsymmetrisch und exzentrisch sind. 

Zur ersten Ausstellung ihres Lebenswerks im Schwanen kamen in einem halben Jahr 10 000 Besucher. „Die sind belustigt, erheitert, am Ende auch irgendwie erschlagen.“ Auf 800 Quadratmetern zeigt Alraune in verschiedenen Räumen rund 20 Szenerien. In Bussen wurden auch Rentnergruppen angefahren, um ihre Altersgenossen aus Stoff zu bestaunen. So kam sie auf die Idee, ihre spezielle Seniorenresidenz für die neue Saison aufzubauen - ab Ostern ist die Ausstellung wieder geöffnet.

In der Küche der Residenz werden Gesichtsmasken und Smoothies zubereitet, in den Zimmern wird geheiratet, geheilt, gezaubert. Seniorenheime findet Alraune grässlich. Aber das Grässliche schön zu machen, das habe sie gereizt. „Die schmeißen hier die Krücken weg“, sagt Alraune und kichert. „Das Leben ist so fad, man muss was erfinden.“

Die Stoffe für ihre genähten Figuren und Gegenstände kauft sie größtenteils auf Flohmärkten. Warum sie sich die Arbeit macht, eine Welt aus Stoff zu schaffen? „Ich mag dieses Bohren nicht, warum, wieso, weshalb? Ich hab viel gemacht, ohne zu wissen, wofür eigentlich.“ Schon während ihrer schwierigen Kindheit habe sie sich in die Fantasie gerettet. „Das hab ich auch ganz gut durchgezogen.“

Ihre Technik zur Herstellung und zum Innenleben der Figuren hütet sie wie einen Schatz. „Ich will mich nicht demontieren. Ich fange bei solchen Fragen irgendwann an, zu lügen: Da sind Därme drin und Nieren“, sagt sie und kichert. Tatsächlich ist es nur Watte, so fest zusammengestopft, dass die Figuren ihre Stabilität bekommen. Lange Strecken näht Alraune mit der Maschine. „Die wichtigsten Sachen nähe ich von Hand.“ 

Ihre erste Kunstfrau ist in den 80-er Jahren entstanden, eine Braut. Alraune hat sie für ihren Laden in Stuttgart genäht, wo sie als junge Textildesignerin eigene Entwürfe verkaufte. Die Idee zu den Kunstmenschen sei bei einem Besuch im Londoner Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds und anschließendem Kaffeetrinken in einem von britischen Senioren geführten Café geboren worden. „Die waren total reizend, aber uralt“, sagt Alraune. Diese Eindrücke habe sie abgespeichert und einige Jahre später in Kunst verarbeitet.

Jahrelang hat sie Figuren für Schaufenster und Messen von Leipzig bis Rom genäht. 2006 war mit der Auftragsarbeit Schluss. Seitdem ist sie ist zur Regisseurin der weichen Wattewelt geworden, die ihre eigenen Szenen schaffen. Für 70 Figuren und unzählige weitere genähte Gegenstände brauchte sie vor allem Platz. Alraune hat mit ihrem Mann ein Haus für ihre Sammlung gesucht und ist nach Umwegen in Haigerloch gelandet.

Promis wie bei Madame Tussauds sucht man in ihrer Sammlung vergeblich. „Ich habe mal die Kanzlerin genäht, aus Höflichkeit“, sagt Alraune. „Die wurde so wichtig genommen, daraufhin habe ich sie übernäht.“ Sie trennte das Gesicht auf, gab ihm neue Züge und knallige Schminke. Aus Angela wurde Alraune. Ein Selbstporträt.

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