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Volksbühne Berlin: Triumph für Frank Castorf

Berlin Volksbühne Berlin: Triumph für Frank Castorf

Mehr als fünf Stunden dauert die Inszenierung von Frank Castorfs „Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière“ an der Volksbühne Berlin. Das Publikum jubelte.

Berlin. An der Berliner Volksbühne hat am Samstag „Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière“ in der Regie von Intendant Frank Castorf (64) Premiere gefeiert.

In dem Stück nach einer Vorlage des Russen Michail Bulgakow (1891-1940) geht es vordergründig um die Intrigen am Hof von Ludwig XIV., denen der Dichter Molière zum Opfer fällt.

Der von Sowjetdiktator Stalin erst geschätzte, dann verfemte Bulgakow prangert mit dem Historiendrama Missstände in der Sowjetunion der 1930er Jahre an. Castorf, dessen Intendanz an der Volksbühne 2017 nach 25 Jahren endet, nutzt die Vorlage für eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kunst und Macht.

Dazu hat er die Vorlage mit Texten der Dichter Pierre Corneille, Jean Racine, Molière, des Filmregisseurs Rainer Werner Fassbinder und anderer zu einer gedankenreichen Collage verarbeitet.

Das turbulente Geschehen auf der von einer großen Videoleinwand dominierten Bühne zeigt klar: Allzu oft sind Theaterleute bereit, den Mächtigen für Geld und Ruhm zu dienen. Eine Heiligsprechung von Künstlern findet an der Volksbühne also nicht statt.

Doch Castorf beschwört zugleich einen der ältesten Theaterträume: Aufrichtige Künstler können die Welt zwar nicht verändern, doch sie können, wenn sie sich nicht beugen lassen, die Welt erkennbarer machen und dem Publikum so zumindest Gedanken für eine Bereicherung des Lebens schenken.

Ohne vordergründige Effekthascherei gelingt es, Ereignisse der Vergangenheit als Spiegel der Gegenwart zu nutzen. Dabei wird deutlich, dass Künstler in der Demokratie bei weitem nicht das erleiden müssen, was ihnen in einer Diktatur droht. Castorf zeigt vielmehr, wie das „Alles-ist-erlaubt der liberalen Gesellschaft“ die Freiheit des Denkens durch rein materielles Profitstreben beschränkt.

Dazu gibt Frank Castorf, der sich selbst in der Inszenierung auf die Schippe nimmt, eine geradezu zärtliche Liebeserklärung an die Kunst des Schauspiels ab. Der kluge Videoeinsatz ermöglicht dabei eine verblüffende Verschränkung der zeitlichen und gedanklichen Ebenen.

Alle Schauspieler agieren hochkonzentriert und ohne überflüssige Spielereien. Alexander Scheer beeindruckt beispielsweise als Molière, Fassbinder und Castorf, Georg Friedrich als Ludwig XIV. und Stalin, Lars Rudolph als bigotter Kirchenfürst.

Die ersten und die letzten Worte des mit seinen mehr als fünf Stunden nie lang oder langatmig wirkenden Abends gehören der Schauspielerin Sophie Rois. Sie feiert in der Rolle Bulgakows eine von politischem und finanziellem Druck freie Kunst. Wenn sie mit erschütternder Schlichtheit sagt „Molière ist unsterblich!“, klingt das wie eine Kampfansage gegen alle nur denkbaren Versuche, Kunst zu instrumentalisieren. Das Publikum, das mehrfach Szenenapplaus gespendet hatte, quittierte die Aufführung mit Jubel.

dpa

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