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Volkstheater rafft bei „Candide“ Ressourcen zusammen

Rostock Volkstheater rafft bei „Candide“ Ressourcen zusammen

Johanna Schall inszeniert Bernsteins Oper vom tumben Toren der reinen Vernunft in Rostock als Revue und Kostümspektakel mit aktuellem Bezug und Witz

Rostock. Kurz vor dem Ende, dem Saisonende, rafft das Volkstheater Rostock noch einmal all seine Ressourcen zusammen: fast das gesamte Personal, alle Perücken und Kostüme, dazu die Tanzkompagnie, die Norddeutsche Philharmonie, Opernchor und Singakademie, um einen durchschlagenden Publikumsrenner auf die Bühne zu bringen. Mit der Premiere von Leonard Bernsteins komischer Operette „Candide“ (1974) am Sonntag könnte dies gelungen sein, wenngleich die obligatorischen Standing Ovations eher etwas halbherzig schienen.

Das Stück ist kein Selbstläufer. Es basiert auf einem philosophisch-satirischem Roman von Voltaire, der nicht leicht in ein erfolgssicheres stringentes Theaterdrama zu verwandeln war. So ist es eher von bunt wechselnder, künstlicher Lehrhaftigkeit, mit der das Schicksal Candides vorgeführt wird, eines tumben Toren der platten Vernunftphilosophie, jenes unbelehrbaren Optimismus, der unbeirrt glaubt, die bestehende Welt sei die beste aller möglichen Welten.

Er wird zum dreifachen Mörder, seine geliebte Cunegonde wird mehrfach vergewaltigt, in der Gier nach Reichtum zur mehrfachen Edelkurtisane; sein geschätzter Lehrer, der Philosoph Pangloß, ein vernünftelnder Heiligsprecher des status quo, wird gehängt, steht aber wieder auf und ist durch keine Gewalt, durch keinen Betrug von seinen Prämissen abzubringen, wie auch sein Schüler Candide. Das ist nicht ohne aktuellen Bezug, der aber dann letztendlich doch schmerzlos bleibt.

Inszeniert hat dies Johanna Schall im großzügigen Revue-Bühnenbild von Horst Vogelgesang, mit den quietschbunten Kostümen von Jenny Schall, von denen jedes einzelne ein Witz ist, alle zusammen aber keinen ergeben. Sie bedient sich – in einer irritierenden Melange von deutschen Dialogen und englisch gesungenen Liedern – verschiedenster komödischer Verfahren, die aber hier nicht immer die feine Ironie, den satirischen Biss treffen.

In bunter Betriebsamkeit, besonders gelungen die zahlreichen Szenen des spielfreudigen Chores, rauschen die wechselnden Schauplätze vorüber, spaßig und humorvoll, auch mit witzigen Comedy-Effekten, mit einzelnen Paradestücken, wie der großen Koloraturarie der Cunegonde, aber es bleiben Längen, da die gleiche Grundsituation immer erneut wiederholt wird. Der Zielpunkt bleibt so letztlich unschuldiges unterhaltendes Amüsement.

Gestützt vom engagierten und routinierten Können der zahlreichen Individualdarsteller, die hier mehr als zwei Dutzend Rollen bedienen müssen. Hervorstechend dabei Elena Fink als Cunegonde und Stefan Sevenich als erzählender Voltaire und als Pangloß sowie Jasmin Etezadzadeh als Lady mit nur einer Hinterbacke; Christopher Diffey als Candide, dessen Rolle für die sentimentale Weichspülung zuständig ist und der darin, weil ohne Ironie, etwas blass bleibt.

Musikalisch ist es durchaus zufriedenstellend, nur Bernsteins kunstvollen Ensemblesätzen fehlt es an Durchsichtigkeit. Die Norddeutsche Philharmonie musiziert unter Manfred Hermann Lehner eher mit betulichem Humor als mit flotter Kess- und Frechheit.

Irritierend der Schluss, den schon Bernstein gegenüber Voltaire zu einem hoffnungsseligen Happy End entschärft hatte. Der Beschluss der gebeutelten Optimisten, nun im spießig-idyllischen eigenen Garten das Glück zu finden, wird auch bei Johanna Schall nicht wirklich satirisch.

War es die beste aller möglichen Candide-Inszenierungen? Der letzte Satz weicht aus: „Noch irgendwelche Fragen?“

Heinz-Jürgen Staszak

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