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Vollmann lässt „Europe Central“ brillant untergehen

Berlin Vollmann lässt „Europe Central“ brillant untergehen

Hitler ist hier der „Schlafwandler“, Stalin der „Realist“ und das Telefon der wirkliche Strippenzieher bei der Auslöschung der „Schaltzentrale Europa“ im Zweiten Weltkrieg.

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William T. Vollmann erzählt in «Europe Central» vom Überleben berühmter Deutscher und Russen unter Hitler und Stalin. Foto: Kent Lacin/Suhrkamp Verlag

Berlin. „Morgen schon wird alles, wie das Telefon verkündet, ohne Vorwarnung ausradiert, dem Erdboden gleichgemacht, eingedeutscht, sowjetisiert, völlig zerschmettert werden müssen.“

Schräg und rätselhaft beginnt so die überwältigende Lesereise über tausend Seiten durch William T. Vollmanns Roman „Europe Central“ zur Höllengeschichte rund um den Zweiten Weltkrieg. Der 54 Jahre alte US-Autor erzählt 37 meist historisch belegte, aber auch erfundene Geschichten von bekannten und unbekannten Zeitgenossen Hitlers und Stalins und deren Kompass in finsterster Zeit.

Wie hat sich Käthe Kollwitz, Schöpferin herzzerreißender Bilder und Statuen Trauernder, zurechtgefunden, angepasst, Widerstand geleistet, moralische Prinzipien befolgt oder auch nicht, als sie von den Nazis drangsaliert und vom Stalin-Regime in den Jahren des schlimmsten Terrors hofiert wurde? Was hielt die russische Poetin Anna Achmatowa bei ihrer Achterbahnfahrt als mal verfolgte und dann hoch geehrte „Muse Leningrads“ während der 900 Tage Belagerung aufrecht? Was ließ sie als von Stalins Geheimdienst zynisch verfolgte „Hure und Nonne“ nach Kriegsende einknicken?

Vollmann muss wahre Herkulesarbeit bei seinen historischen Studien geleistet haben. Er hat sich in seine Figuren einzufühlen versucht und setzt das souverän in Belletristik um. Unbeschwert auch legt er Erfundenes in einem Anhang offen.

Vollmann erzählt aus wechselnden Perspektiven vom deutschen Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, der erst aus Feigheit vor Hitler die 6. Armee „bis zum letzten Mann“ in die Niederlage von Stalingrad führte und dann der Sowjetunion zu Diensten war, bis er 1957 als DDR-Rentner starb. Aus der Nachkriegszeit wird die als „Rote Guillotine“ berüchtigte DDR-Juristin Hilde Benjamin zur interessanten Romanfigur. Einen Stasi-Mann lässt Vollmann von Benjamins lebenslanger Angst als verfolgter Jüdin erzählen. Bis zum Tod 1989: „Ein paar Monate, nachdem sie für immer die Augen geschlossen hatte, folgte die DDR ihr nach.“

In der Regel folgt auf eine deutsche Figur eine aus der Sowjetunion. So „passt“ zu Paulus die Geschichte des Generals Andrej Wlassow, der von der Roten Armee nach seiner Gefangennahme zu den Deutschen überlief und für die Nazis eine nach ihm benannte Armee führte. Warum, was trieb ihn an?

Im Kapitel „Saubere Hände“ stellt Vollmann den SS-Offizier Kurt Gerstein vor, der an der „technischen Verbesserung“ der Massenmorde in deutschen Vernichtungslagern beteiligt war. Gerstein lieferte auch, unter Lebensgefahr, Informationen über die unvorstellbaren Verbrechen an ausländische Kontakte. „Er ist einer meiner Helden“, bekennt Vollmann im Anhang über diesen Mann voll extremster Gegensätze.

Gleich mit einer ausdrücklichen Liebeserklärung schreibt Vollmann über Dmitri Schostakowitsch. Der weltberühmte russische Komponist ist die immer wieder auftauchende Hauptfigur, die das Mammutbuch zusammenhält. Wir folgen Schostakowitsch durch ein Gestrüpp aus genialem musikalischem Schöpferdrang und Auftragsarbeit für den Kreml, Egomanie, bolschewistischem Revolutionselan, Bonzen-Privilegien - bei gleichzeitiger Todesangst vor Stalins Geheimdienst und den Launen des schnauzbärtigen Tyrannen selbst.

Vollmann führt auch durch das nicht minder chaotische Gestrüpp von Schostakowitschs Liebes- und Sexleben mit Ehefrau Nina, der (im Roman) lebenslang begehrten Geliebten Elena und anderen. Er legt im Anhang unbekümmert die eigene Haltung offen: „Wenn ich über Schostakowitsch nachdenke, stelle ich mir einen Menschen vor, der sich vor Angst und Reue verzehrt, (...), der (wie Kurt Gerstein) das Wenige tat, was er konnte, um das Gute zu unterstützen.“

In den USA bekam Vollmann für „Europe Central“ 2005 den National Book Award. Juror Tom LeClair traf es auf den Punkt: „Vollmanns Leistung ist die zwingende Erforschung des Allzumenschlichen.“ Acht Jahre Warten haben sich dank der glänzenden Übersetzung von Robin Dietje (nach „mehreren Übersetzungsanläufen“, so der Suhrkamp-Verlag) gelohnt. Das Ausnahmebuch „Europe Central“ macht neugierig auf andere Bücher dieses rastlos produktiven, mit unbefangener Neugier in viele Richtungen gesegneten Ausnahmeautors.

William T. Vollmann: Europe Central. Suhrkamp Verlag, Berlin, 1028 Seiten, 39,95 Euro, ISBN: 978-3-518-42368-4

 

Zum nationalen US-Buchpreis für «Europe Central», Englisch

 

dpa

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