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Kultur Vom Dämonen Shuten-doji bis Hello Kitty und Miku
Nachrichten Kultur Vom Dämonen Shuten-doji bis Hello Kitty und Miku
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00:40 11.06.2016

Wegwerfkultur? Popkultur? Hochkultur? Verehrungskultur? Sammelkultur und sogar Pornokultur – oder sagen wir es feuilletonistisch: Erotik? In der Eröffnung der Ausstellung „Hokusai X Manga. Japanische Popkultur seit 1680“ fielen diese Worte wie Handgranaten aus dem Waffenarsenal des intellektuellen Hoheamtes in die Ausstellung. Ja, auch der anspruchsvolle Kulturschaffende benötigt Schubladen und Geländer zum Halt im geistigen Leben. Doch genau die versucht die Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG), für die der japanische Holzschnitt-Künstler Katsushika Hokusai (1760-1849) namensgebend ist, zu sprengen. Die Grenzen zwischen Hochkultur und Kommerzkultur verschwimmen.

Die 19 Blätter von 1680, die die Bildgeschichte vom Dämonen Shuten-doji und der Heldenverehrung des Watanabe no Tsuna, der den Dämonen mit seinen treuen Kriegern besiegt, erzählt – das ist doch ohne Zweifel Hochkultur, oder? Immerhin Holzschnitte einer volkstümlichen Legende vom japanischen Star des Genres, Hishikawa Moronobu. Nun ja, Nora von Achenbach, Kuratorin der Schau, mag das etwas anders sehen: „Was wir heute mit weißen Handschuhen anfassen, war die Populärkultur von damals und wurde normal gehandelt.“ Der Holzschnitt war eine der ersten Möglichkeiten, Geschichten in Bildern zu erzählen, preiswert und schnell zu vervielfältigen und zu konsumieren. „Also haben wir uns gefragt, wie geht das mit der Populärkultur in Japan heute weiter.“

Billige Heftchen mit bunten Bildchen, die einfache Geschichten erzählen vom Astro Boy – in Japan so berühmt wie Mickey Mouse – Kleinkindercomics wie Hello Kitty oder sogar Manga-Erotik mit äußerst eindeutigen Sexszenen – das alles ist doch Wegwerfkultur, oder? Diese Heftchen werden seriell produziert und von den Konsumenten nach dem Betrachten (Lesen?) einfach liegen gelassen.

Nun, Manga als Comic ist auch Teil einer Sammelkultur, bei der einzelne Hefte Höchstpreise erzielen und ihre Konsumenten zum Teil völlig in ihre Figuren eintauchen. Das Cosplay-Phänomen beschreibt dieses Ganzkörperaufgehen in Titelhelden. Cosplayer – aus dem englischen von Costume (Kostüm) und Play (Spielen) – entwerfen mit viel Liebe zum Detail Kostüme ihrer Manga-Lieblingsfiguren, verkleiden sich und treffen sich weltweit. Warum das alles zusammen in einer Schau?

Ausgangspunkt in Hamburg ist die Sammlung. Das MKG besitzt rund 3000 japanische Holzschnitte, die seit der Gründerzeit um 1880 angekauft wurden. Diese international einmalige Sammlung von Künstlern des Ukiyo-e, der japanischen Holzschnittkunst, „einfach bloß zu heben und mit der Öffentlichkeit zu feiern“, sei eine Beschränkung, die sich das Museum nicht erlauben dürfe, sagt dessen Direktorin Sabine Schulze. Das MKG erklärt wie in einem bildhaften Intertext Zusammenhänge. In den 80ern schwappte die Manga-Welle in den Westen über. Sie fußt auf der Holzschnitttechnik ab dem 17. Jahrhundert.

Auch inhaltlich. Dort wurden Helden- und Dämonengeschichten erzählt, Bilderstorys von Schauspielern oder Samurai. „Schlagworte wie Aktualität, schnelle Lesbarkeit, Typisierung, Starkult und Erotik werden zu Brücken in die heutige Popkultur“, erklärt Schulze. Das Genre sei nicht begrenzt, so Simon Klingler, ebenfalls Kurator. Es findet sich der Fuji-Kult mit der Verehrung des Fujiyama, Japans höchstem Berg (Vulkan), Edo-Bildgeschichten mit der Großstadt als überidealisiertem Ort oder Geschichten vom Mangaheldenmädchen Miku Hatsune mit den großen Augen und ihren 36 Kostümen. Aber auch die Manga-Linien, die von Krieg und Katastrophen erzählen, von Japans Stunde null, dem Atombombenabwurf auf Hiroshima. Es geht weiter bis zu Computerspielen, der verträumten Serie vom spazierenden Mann von Jiro Taniguchi (69) oder dem Kontrapunkt zur Stadt als Idylle der Serie Akira (1982 bis 1990). Hier wird in einer antiutopischen Sci-Fi-Welt wie in „Blade Runner“ (1982), dem Cyberpunk-Klassiker des Film noir, die Stadt als Moloch gezeigt – Dystopie und Realismus.

Klingler erklärt: „Die Mangawelt ist vielfältig. Da spazieren nicht Asterix und Obelix ein Leben lang durch Gallien.“ Da stirbt auch mal ein Held. Da verschwimmen Geschlechterollen. Die Manga-Mädchen mit Kindchenschema und kurzen Röcken verhalten sich meist so heldenhaft wie Samurai. Nora von Achenbach: „Die Großstadt war Quell einer Vergnügungskultur. Dort bestand das Bedürfnis nach Unterhaltung und Vergnügen. Das Bedürfnis der Menschen nach einer Parallelwelt, einer imaginären Welt, gab es immer.“ Und gibt es noch immer.

Michael Meyer

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