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Kultur Vom Fliegen und der Farbe
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00:00 11.03.2016

Wer den verwunschenen Garten des ehemaligen Pfarrwitwenhauses in Pütte zwischen Stralsund und Niepars betritt und den nostalgischen Klingelzug betätigt, der merkt sofort, hier gehen Liebe fürs Detail und Pragmatismus Hand in Hand. „Früher war das eine Toilettenspülung“, verrät Künstler Rainer Herold. Doch das ist mehr als 42 Jahre her und war bevor der 75-Jährige nach Pütte kam, das 1786 erbaute Haus in liebevoller Arbeit wiederherrichtete und dort seiner Kunst frönte. In seinem Atelier auf dem ehemaligen Dachboden arbeitet er zurzeit an seinen neuen Werken.

Und die sind nicht nur exotisch, sondern auch farbintensiv. Inspirieren lässt sich Herold dabei von Indischer Buchmalerei aus der Mogulzeit. „Zurzeit habe ich 30 Bilder angefangen, die mit diesem Thema zusammenhängen“, sagt er. Dass sich der Künstler traut, mit derart kräftigen Farben zu arbeiten, war nicht immer so. „Bei meinen älteren Bildern dominieren Grau, Grün, Blau und Schwarz. Die hellen Farben habe ich damals gar nicht benutzt.“ Erst im Wendejahr, als Herold nach Indien reist, ändert sich dies. „Dort war alles so bunt und farbenfroh. Von dem Moment an habe ich mich getraut, Farben zu benutzen, die ich vorher nie verwendet habe.“

Über eine Stiege gelangt Herold an seinen Arbeitsplatz mit Blick in den Garten. In der Abgeschiedenheit seines Hauses findet er Inspiration. Dass er sein Hobby zum Beruf machen konnte, dafür ist Herold bis heute dankbar. „Ich habe als junger Kerl schon gern gemalt und gezeichnet“, erinnert er sich. Doch zunächst lenkt ihn das Leben in eine andere Richtung. Seinen Platz auf der Oberschule habe er nach einem Jahr aufgeben und eine Lehre machen müssen. „Meine Mutter war allein mit drei Kindern, das ging finanziell einfach nicht“, erzählt der gebürtige Leipziger. Also habe er eine Lehrstelle als kartografischer Zeichner in Leipzig begonnen.

„Trotzdem habe ich in meiner Freizeit in Malzirkeln und an der Volkshochschule alles mitgemacht, was mit Malen und Zeichnen zu tun hatte“, sagt er. „Dann habe ich erfahren, dass man an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst auch ohne Abitur studieren kann und mich beworben.“ Und: Herold hat Glück. „Von 800 Bewerbern wurden nur 20 genommen und ich war dabei. Jetzt fängt das richtige Leben an, habe ich damals gedacht“, sagt er lächelnd. Herold studiert bei Bernhard Heisig, Mitbegründer der Leipziger Schule. Doch von seiner Kunst — Grafiken, mit denen er unter anderem Literatur illustriert, Radierungen, Malerei und Siebdruck — kann er zunächst nicht leben. Also schlägt er sich als freischaffender kartografischer Zeichner durch, arbeitet als Gebrauchsgrafiker auf Messen.

Zu Hilfe kommt ihm schließlich eine von ihm eigens entwickelte Siebdrucktechnik: Herold stellt mit Hilfe von Pudding und Stärkemehl eine Siebdruckfarbe auf Wasserbasis her, mit der es gelingt, Mischtöne beim Drucken zu erzeugen. „Das gab es so in der DDR bis dahin noch nicht. Die Leipziger Hochschule bot mir daraufhin an, die Siebdruckwerkstatt zu übernehmen, aber ich wollte nicht den ganzen Tag in den Katakomben sitzen, also habe ich die Radierwerkstatt übernommen.“ Drei Jahre lang ist Herold Aspirant an der Hochschule, bevor er Meisterschüler an der Akademie der Künste der DDR beim Grafiker Werner Klemke wird. 1974 kauft er das Haus in Pütte, in das er zehn Jahre später einzieht, dort eine eigene Druckwerkstatt einrichtet. „Das Haus habe ich eigentlich gekauft, um mal an der Ostsee sein zu können. Dass ich darin wohne, daran habe ich nicht ernsthaft gedacht.“

Heute ist er froh über den vielen Platz, an dem er mit Holz und Kettensäge bildhauerisch tätig sein oder seine Keramik im eigenen Ofen brennen kann. Inspirieren lässt sich Herold von Literatur — zu seinen älteren Werken gehören zahlreiche zwischen Schwarz und Weiß changierende Grafiken zu Werken von Goethe, Voltaire oder Orwell. Auch Reineke Fuchs hat er grafisch illustriert, seine Reisen in die Sowjetunion, nach Frankreich, Italien, Indien und Afrika, wo seine Tochter lebt, bildnerisch verarbeitet. In Pütte hat Herold sein Zuhause gefunden und vor 15 Jahren sogar ein neues Hobby entdeckt: das Motorgleitschirmfliegen. „Wenn ich über mein Haus fliege und in den Schornstein schaue, ist alles wunderbar.“

Von Rainer Herold

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