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Vom Rausch der Macht auf engstem Raum

Greifswald Vom Rausch der Macht auf engstem Raum

Beklemmende Premiere von Dennis Kellys „Nach dem Ende“ in Greifswald.

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Frederike Duggen und Sören Ergang

Quelle: Christopher Melching

Greifswald. Beklemmend, bedrängend, bedrückend: Das Stück „Nach dem Ende“, inszeniert von von Julia Heinrichs, macht es seinen Zuschauern verflucht schwer. Ein Bunker, darin ein Mann, eine Frau und ein paar wenige Vorräte. Angeblich hat Mark (Sören Ergang), die in eine Decke gewickelte Louise (Frederike Duggen) vor einem atomaren Anschlag in den Keller gerettet.

Aber von Anfang an gibt es Zweifel an der Geschichte: Von dem Bunkerausgang, einem Lukendeckel, baumelt eine Kette herunter. An der Kiste mit den Lebensmitteln hängt ein Schloss und Mark sortiert die Dosen mit Bohnen, Müsliriegeln und Äpfeln so selbstverliebt und pedantisch nach Inhaltsstoffen, dass man nach vorne stürzen würde, um Louise den Lukendeckel zu öffnen. Mal schüchterner Junge, der mit nach innen gekehrten Fußspitzen auf der Kiste hockt, zurückgewiesener Außenseiter, der sich an seiner ungewohnten Macht berauscht und zum Ende Bestie, der Louise auf dem Boden des Bunkers vergewaltigt: Sören Ergang gelingt eine facettenreiche Interpretation von Marks psychopathischem Charakter.

Beeindruckend Frederike Duggens schauspielerische Leistung. Louise mäandriert zwischen „Glauben-Wollen“ und Zweifel, Aufbegehren und Mitspielen. Hunger, Angst und Folter machen aus ihr eine zerstörte Persönlichkeit. Und als sich die Verhältnisse im Bunker umkehren und Louise Macht über Mark ausübt, ahnt man: Das Schlimmste, was der Täter dem Opfer antun kann, ist, ihm seinen Stempel aufzudrücken.

Man denkt an Abu Ghraib — aber auch an Natascha Kampusch. Dennis Kellys 2005 uraufgeführtes Stück ist eine Parabel auf den Sicherheits- und Kontrollwahn, auf Irakkrieg und Foltergefängnisse nach den Ereignissen von 9/11. Als Mark sie zu einem Gesellschaftsspiel zwingen will, sagt Louise: „Nur weil irgendein Irrer eine scheiß Bombe zündet, heißt das nicht, dass man als Mistkerl herumlaufen darf.“

Distanz zu dem Kammerstück, das eine Wiederaufnahme aus dem Theater der Altmark ist, fällt schwer. Im Greifswalder Rubenowsaal beginnt die Bühne direkt vor der ersten Reihe, der Zuschauer ist die dritte Person im Bunker. Zwischen den einzelnen Szenen geht das Licht aus, es ist still, aber man hört, wie die Zuschauer unbehaglich auf ihren Stühlen herumrutschen. Nach der letzten Szene atmet Sören Ergang erleichtert aus, bevor er sich dem Schlussapplaus stellt.

Anke Lübbert

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