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00:00 01.12.2017
Abstatt

Die Stimme ist wie Sandpapier. Rau und über die Instrumente wegschmirgelnd, heiser bis hin zur völligen Ermattung. „Die Dinge, die wir lieben, werden eines Tages verschwinden, erst langsam und dann so schnell.“ Ein Mann, der zuweilen mitten im Satz zu merken scheint, dass er den ganzen Sermon eigentlich schon hundertmal gesagt hat und dass ein hundertunderstes Mal die Vergeblichkeit nur noch ein bisschen mehren würde. Matthew Ryan heißt der Sänger.

Die Dinge, die wir lieben, werden eines Tages verschwinden, erst langsam, dann schnell. Matthew Ryan (46)

FOTO:

Vergeblichkeit ist ein Wort, das zur Karriere dieses Sängers und Poeten aus Chester, Pennsylvania, passt. Man kennt Bryan Adams und Ryan Adams, den meisten aber ist Matthew Ryan (46) auch noch 20 Jahre nach seinem Debütalbum „Mayday“ und dem hinausgebellten Zorn von „Guilty“ kein Begriff. Er hat bis heute nicht einmal einen deutschen Wikipedia-Eintrag, manche seiner verlässlich eindringlichen Liedersammlungen sind inzwischen so billig zu bekommen, als wären sie Ramsch, andere kosten richtig Geld, manche sind selten, andere komplett vergriffen.

Was immer einem aber von Ryan in die Finger kommt, auf einem Flohmarkt oder sonstwo, lohnt den Zugriff. Feines Songwriting mit Widerhaken, Melodien, die einem sofort die Ohren aufsperren, düstere Texte, die einem nachgerade im Kopf herumgeistern. Und eben diese flüsternde, kratzende, einlullende Weh-und-Ach-Stimme, die an Paul Westerberg erinnert, an John „Cougar“ Mellencamp und Bruce Springsteen. Also an lauter gute Leute.

Springsteens Kumpel Brian Fallon, Sänger und Gitarrist der Band The Gaslight Anthem aus New Jersey, hat „Hustle Up, Starlings!“ produziert, das zwölfte Album Matthew Ryans. Es ist eine Platte mit Rockern, von denen einige den Geist des späten Punk in sich tragen, als der sich gerade zu New Wave entspannte, mit folkiger Americana und mit langsamen Traurigkeiten wie dem Titelsong. Fallon erledigte alles Technische, Ryan konzentrierte sich aufs Schreiben und Spielen. Was wohl zu einer Art Schaffensrausch führte. Es geht die Legende, das Werk, das zu Deutsch „Auf mit euch, ihr Stare!“

heißt, sei in fünf Tagen „im Kasten“ gewesen. Dabei wollte Ryan die Gitarre nach dem Vorgänger „Boxers“ (2014) eigentlich an den Nagel hängen. Und jetzt ist da dieses Prachtstück, das funkelt und flirrt, das schrammelt und rockt, eins für lange Autofahrten. Gute Vibes, selbst wenn es finster wird am Rand von Ryans Stadt.

Beunruhigende, zugleich behagliche Kurzgeschichten sind das, Hören ist hier wie Umblättern, auf dem Grund der Geschichten liegt ein fremd gewordenes Amerika, eine ungemütliche Welt. Was die Aufgabe des Barden in diesen unruhigen Zeiten ist, verrät er am Ende des folkigen „Battle Born“: „Die Hoffnung hinausschreien im Land der Verlorenen.“

Das soll er weiter machen. Keine Niederlage. Kein Aufgeben. So hat Springsteen das mal gesungen. Wenn das Album endet, nach dem letzten, lange aushallenden Gitarrenakkord von „Summer Never Ends“, ist einem, als sei ein Vorhang gefallen. Und man will Zugabe rufen: „Auf mit dir, werde endlich ein Star!“ „Maybe I’ll disappear“ singt er stattdessen in einer der neuen Balladen, und er klingt dabei, als habe er sich schon beinahe aufgelöst, als verschwinde Matthew Ryan mählich im dunklen Mollmurmeln des Pianos. „Wir sind alle Hotels. Es gibt kein zu Hause.“ Dann dreht er den Zündschlüssel um, der Unbeheimatete, fährt los. Keine Sterne an seinem Himmel, es beginnt zu schneien.

Matthew Ryan: „Hustle Up, Starlings!“ (Blue Rose Records)

Matthias Halbig

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