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Kultur Vom Weltschmerz der Deutschen
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00:00 22.02.2017
Berlin

Wir leiden an Weltschmerz und Fernweh, bauen Luftschlösser, haben Torschlusspanik und Erklärungsnot und wenn das Liebesgeständnis in der Daily Soap zu peinlich ist, schämen wir uns fremd. Ganz schön emotional, wir Deutschen. Aber auch ganz schön schön, dass wir diese Wörter haben. Sie gehören zu den Begriffen, die nur wir haben, für die es in den meisten anderen Sprachen keine Entsprechungen gibt. Wenn Briten mal Torschlusspanik haben, müssen sie erklären, dass sie Angst davor haben, dass ihnen die Zeit davonläuft. Während wir nur „Torschlusspanik“

sagen und jeder weiß, was gemeint ist. Oder?

Das ist nicht unbedingt so, meint der Ethnolinguist Volker Heeschen, Professor im Ruhestand an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Die Wörter sind Abkürzungen für gelebte Inhalte.“ Sie müssten im Gespräch erst wieder ins Leben übersetzt, also präzisiert werden. Wer sagt, dass er Torschlusspanik hat, verrät nicht konkret, vor welchen schließenden Toren er sich fürchtet. „Solche Wörter entsprechen oft nicht nur einem Ding, sondern dahinter stecken Konzepte“, sagt Barbara Haschke, Ethnologin und Anglistin mit Schwerpunkt interkulturelle Kommunikation. Torschlusspanik ist nicht gleich Torschlusspanik und Weltschmerz sowieso nicht gleich Weltschmerz. Wer den Begriff einem Anderssprachigen erklären möchte, muss selbst erst mal nachdenken, was genau er damit meint.

„Wörter wie Weltschmerz sind mit einem kulturellen Horizont verbunden, der nicht richtig zu übermitteln ist“, sagt der emeritierte Professor Ekkehard König von der Freien Universität Berlin, der sich auf Sprachvergleiche spezialisiert hat. So seien viele dieser Wörter, die wir nur im Deutschen haben, abstrakte Begriffe – wie „Zeitgeist“. Deshalb sei es so schwer, diese Begriffe in andere Sprachen zu übersetzen. Wenn die Wörter bei uns entstanden sind, heißt das dann, dass wir mehr Weltschmerz oder Torschlusspanik empfinden als andere Nationen? Warum sonst gibt es die Wörter nur bei uns? Mit diesem Ansatz müsse man vorsichtig sein, sagt König. Zwar werden solche Wörter, für die es in anderen Sprachen keine Entsprechungen gibt, auch als „kulturelle Schlüsselbegriffe“ bezeichnet – Begriffe also, die kulturelle Werte oder Verhaltensweisen einer Nation beschreiben oder widerspiegeln –, das heiße aber nicht, dass Menschen anderer Länder keinen oder weniger Weltschmerz empfinden.

Denn „weltschmerz“, klein geschrieben, nutzen auch Briten und Amerikaner, die das Wort kopiert haben – genauso wie „schadenfreude“. Warum sie dafür kein eigenes Wort haben, ist nicht einmal bekannt. Denn natürlich empfinden auch Menschen Schadenfreude, in deren Sprache es dafür keinen Begriff gibt, sagt Ethnolinguist Heeschen. „Wenn einer stolpert und ein anderer darüber lacht, ist das ja auch Schadenfreude.“

Trotzdem gilt: schadenfreude ist nicht gleich Schadenfreude, weltschmerz nicht gleich Weltschmerz. „Wörter, die aus anderen Sprachen übernommen werden, entsprechen nicht mehr unbedingt ihrem exakten ursprünglichen Sinn“, sagt Haschke, die als Dolmetscherin tätig ist. Problematisch seien solche Wörter beim Übersetzen nicht: „Ich höre sowieso weniger auf einzelne Wörter und mehr auf den Sinn der Sätze“, erklärt sie. Kulturelle Schlüsselbegriffe muss sie umschreiben. Der deutsche „Zugzwang“ kann im Englischen als „feeling pressure to make a strategic move“, also „den Druck spüren, einen strategischen Zug zu machen“ umschrieben werden. Das Fremdschämen könnten Briten „the feeling you get when someone doesn’t realize how embarrassing they are“ nennen – das Gefühl, wenn jemand nicht merkt, wie peinlich er ist.

Hannah Scheiwe

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