Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 17 ° Regen

Navigation:
Vorzeige-Poet und Staatsfunktionär

Neustrelitz/Berlin Vorzeige-Poet und Staatsfunktionär

Der Schriftsteller Hermann Kant starb gestern im Alter von 90 Jahren in Neustrelitz

Voriger Artikel
Stimmungsvolle Promenaden-Revue
Nächster Artikel
Umfrage unter Männern: Jeder Zehnte zupft Augenbrauen

Schriftsteller Hermann Kant bei einer Gesprächsrunde mit Jugendlichen in Greifswald im Jahr 1983.

Quelle: OZ-Archiv

Neustrelitz/Berlin. Jahrzehntelang war er für seine Rolle in der DDR umstritten, doch auch seine schärfsten Kritiker waren sich einig:

OZ-Bild

Der Schriftsteller Hermann Kant starb gestern im Alter von 90 Jahren in Neustrelitz

Zur Bildergalerie

Schreiben, das kann er. Nun ist Hermann Kant im Alter von 90 Jahren in einem Krankenhaus in Neustrelitz gestorben. Zuletzt war Kant gesundheitlich angeschlagen und lebte zurückgezogen in einem Heim für betreutes Wohnen in Neustrelitz. Ein wenig verbittert soll er gewesen sein, dass sich außer seinem privaten Umfeld niemand mehr um ihn gekümmert habe, schilderten Weggefährten.

Dabei hatte Kant über viele Jahre im Rampenlicht gestanden. Immer wieder wurde darüber diskutiert, welche Rolle er denn nun wirklich als Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes von 1978 bis zum Ende 1989 und auch als Mitglied des SED-Zentralkomitees gespielt hatte. Kritiker sahen Kant als verlängerten Arm des SED-Systems. Kant müsse sich vorwerfen lassen, mitverantwortlich dafür zu sein, wie in der DDR mit bestimmten Autoren umgegangen wurde, die nicht „spuren“ wollten. Ihm wurde angelastet, Kritik an der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 abgewiesen zu haben. Zudem soll er für den Rauswurf von Stefan Heym und acht Kollegen 1979 aus dem Schriftstellerverband verantwortlich sein.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass würdigte Kant als Schriftsteller, übte aber harte Kritik an dessen Rolle in der DDR. „Ich habe Sie immer für einen begabten Autor gehalten und wenn Sie pauschal angegriffen werden, werde ich Sie immer als den Autor von Büchern wie ,Der Aufenthalt’ verteidigen. Aber ich werfe Ihnen Ihr Verhalten als Verbandspräsident vor, Sie sind an der Maßregelung von Schriftstellern beteiligt gewesen.“ Der 2013 gestorbene Marcel Reich-Ranicki meinte knapp: „Vielleicht ist er ein Halunke, aber schreiben kann er.“

Kant selbst leugnet nicht, einem Regime auch als „Vorzeige-Poet“ gedient zu haben. „Das hat mich nicht gestört. Ich fand dieses Regime in Ordnung, mit all seinen Lücken und Fehlern.“ Er betonte:

„Insgesamt habe ich aufgepasst, dass ich mich anständig verhalte.“

Als Autor war Kant erfolgreich. Seine Romane „Die Aula“, der wegen des Sprachwitzes selbst im Westen teils zur Schullektüre zählte, „Das Impressum“ und „Der Aufenthalt“ hatten in der DDR Millionenauflagen. Große Anerkennung erhielt 1983 der Defa-Film „Der Aufenthalt“ von Frank Beyer nach dem autobiografischen Roman Kants. Kaum jemand habe den Apparat, den sich die DDR-Gesellschaft aufgebaut hat, so kompetent beschrieben wie Kant und auch so ironisch, so ein Sprecher vom Aufbau Verlag über den Autor. Kant hat immer betont, er habe an einem „neuen, besseren Deutschland ehrlichen Herzens mitbauen wollen“. Dem „Spiegel“ sagte der Autor: „Ich war ein überzeugter Erbauer der DDR, ich wollte die. Ich wollte sie zwar nicht so, wie sie dann geworden ist, aber ich wollte einen Sieg.

Das alte Deutschland wollte ich nicht mehr.“

Und 2015 hatte Kant erklärt: „Von mir aus hätte die deutsche Einheit unterbleiben können. Ich habe immer geglaubt, dass wenn Deutschland eins ist, es dann sozialistisch ist und dann geh’ ich wieder zurück nach Hamburg.“

Verbunden mit MV

Hermann Kant wurde am 14. Juni 1926 in Hamburg geboren, 1940 gingen seine Eltern mit ihm ins mecklenburgische Parchim. Nach dem Krieg studierte Kant an der Arbeiter- und- Bauern-Fakultät (ABF) in Greifswald, diese Zeit verarbeitete er in seinem Erfolgsroman „Die Aula“ (1965). Die Verbundenheit zu Mecklenburg und Vorpommern sollte über die Jahre bestehen bleiben, oft war der Schriftsteller zu Gast auf Veranstaltungen in der Region. Anfang 2016 war der Autor aus seinem Haus im mecklenburgischen Prälank ins betreute Wohnen nach Neustrelitz gezogen, wo er am 14. August 2016 verstarb.

Winfried Wagner und Thomas Müller

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OZ-Bild
mehr
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.