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Wahn, Wal, Wut

Rostock Wahn, Wal, Wut

Rostocker Theatersommer mit „Moby Dick“ in der Halle 207. Maritime Weltliteratur, dort inszeniert, wo sie hingehört – in einer alten Werft.

Rostock. Es gibt Geschichten, die liegen nahe, und doch geschehen sie so selten. Zu selten. Moby Dick zum Beispiel. Der gehört in eine Hafenstadt. Nantucket ist weit, aber Rostock tut’s doch auch. Und wenn diese Hansestadt mit der Halle 207 auch noch eine derart krass schöne alte Werfthalle als Bühne hat, wo mal große Pötte gebaut wurden – nicht zum Walfang, aber für die große, wilde, weite See – dann kann man dort nicht Moby Dick aufführen: Man muss es!

 

OZ-Bild

Till Demuth als Queequeg, Alexander von Säbel als Stubb, Franziska Hofmann als Ismael (von vorn) und im unteren Bild als Käpt’n Ahab. Im Hintergrund der Rostocker Gitarrist Christian Kuzio. FOTOS (2): DORIT GÄTJEN

Quelle:

Aufführungen

Um 10 Uhr am 27. und 30. Juni und 6./7./13./14./20./21./26./27. und 28. Juli.

Um 11 Uhr am 29. Juli und 01./02./09./15./22./23./29. und 30. Juli (Halle 207) Tickets in Ihrem OZ-

Servicecenter unter:

shop.ostsee-zeitung.de und ☎ 0381 / 38303017

Das hat das Rostocker Volkstheater mit der Premiere des musikalisch unterlegten Familienstücks „Moby Dick“ nach Hermann Melvilles Romanvorlage aus dem Jahr 1851 getan. Wie anspruchsvoll dieser Stoff ist und wie schwierig er in Theaterbilder zu gießen ist, zeigt die gelungene Rostocker Aufführung. Moby Dick ist so etwas wie die Ursuppe romantischen Erzählens. Und Nantucket, Insel und Heimathafen der „Pequod“ erscheint als geheimnisvolle Essenz des amerikanischen Traums – zwischen Nova Scotia und Long Islands, vor Martha’s Vineyard gelegen, verkörpert die Insel den romantischen Aufbruch einer neuen Zeit, für den die Seefahrt steht, und die Wildheit und Brutalität einer rein männlichen Welt unter Seemännern des 19. Jahrhunderts. Die amerikanische Version von Gorch Fock und Hans Albers – Seefahrt ist Not, aber auch verdammt cool! Ein Stoff für Jugendgeschichten.

Melvilles Roman wurde 1956 von John Huston mit Gregory Peck ganz groß verfilmt. Seitdem blieben Adaptionen 1998, 2004, 2010 recht unbeachtet. Auch die Bühnen fremdeln damit. Das mag daran liegen, dass der Stoff in seinen Dimensionen zu groß scheint. Riesiger Wal, lange Zeit unterwegs, lange Zeit passiert nix und das, was zum Schluss abgeht, muss man erstmal auf die Bühne bringen.

Dabei ist es die eigentlich hohe Kunst des Erzählens. Die Leerstelle wird zur Chiffre für die Ausweglosigkeit menschlichen Daseins und der Erzähler Ismael für deren Sehnsucht. Melville lässt Ismael als einzigen Überlebenden der Walfangreise vom Wahn auf hoher See berichten, und während er sich auf Hunderten von Seiten in mythologischen, wissenschaftlichen, kunstwissenschaftlichen Exegesen wälzt (der Roman ist in Wahrheit gruselig langatmig), schafft er die Spannung in der Auslassung. Die beiden Monster der Erzählung, Moby Dick und der rachedurstige Käpt’n Ahab, der ihn jagt und um jeden Preis zur Strecke bringen will, tauchen lange nicht auf. Über sie wird nur erzählt oder man hört das bedrohliche Pochen von Ahabs Holzbein nachts an Oberdeck.

Das Volkstheater setzt das in einer dichten Inszenierung in starken, knappen Bildern um. Ein ebenso sinn- wie auffälliger Kunstgriff ist die musikalische Dramaturgie von Christian Kuzio und John Carlson, die dem Stück den nötigen Schliff gibt. Der Fassung von Stephan Thiel gelingt ein Kunststück, da die bedrohliche, mythisch aufgeladene Erzählung immer wieder durch humorige Passagen (schnarchende und pupsende Seemänner unter Deck oder ein Wal, der singt „wie die Callas“) unterbrochen wird. Da bleiben die Kinder am Ball, ohne dass das Stück ins Klamaukige abfällt. Einzig der Schluss, bei dem Ahab mit dem Wal in die Tiefe gerissen wird und noch einmal, an ihn gefesselt, winkend auftaucht, bevor das Monster die „Pequod“ zerstört, ist für Kinder ohne Kenntnis der literarischen Vorlage kaum verständlich. So ging die Frage um, ob Moby Dick denn nun tot sei.

Das Familienstück ist mit fünf Musikern und drei Schauspielern, die alle in mehreren Rollen glänzen, besetzt. Vor allem Till Demuth als Harpunier Queequeg und Erster Steuermann Starbuck hat zwei großartige Figuren abgegriffen, die er glänzend ausarbeitet und vor allem deren Wechsel er hervorragend meistert. Franziska Hoffmann geht in der Rolle des Ismael ganz auf und bewegt sich in der Unruhe des jugendlichen Schiffsjungen wie in einer eigenen Haut. Das gelingt ihr bei Käpt’n Ahab nur bedingt. Der Wechsel von der flirrigen Unbedarftheit des Jungen zur starrköpfigen Autorität des alten Kapitäns („Ich bin nicht wahnsinnig. Ich bin der Wahnsinn.“) ist auch einfach zu groß.

Michael Meyer

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