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Kultur Wahnsinns-Bühne direkt am Strand
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12:33 24.03.2014
Heringsdorf

Am nächsten Tag sollte es zum ersten Mal aufgebaut werden. Natürlich passierte nichts. Nur am Morgen standen zwei weitere Caravans neben meinem. Camper hielten das für einen guten Platz zum Urlaub machen.“ Damit war zwar nichts, doch einen guten Zeltplatz gab das brachliegende Areal direkt hinterm Strand allemal ab.

1993 zog die Vorpommersche Landesbühne Anklam erstmals mit ihrem Theaterzelt Chapeau Rouge an die Strandpromenade von Heringsdorf. Im Januar 1993 wurde der Verein „Vorpommersche Kulturfabrik e. V.“ gegründet. Der wurde notwendig, da sich der Landkreis und die Stadt Anklam nicht mehr in der Lage sahen, das Theater in ihrer Trägerschaft zu behalten. So wurde der Verein die Heimstatt des Theaters, das natürlich ohne Unterstützung der öffentlichen Hand nicht auskommt. Die erste Theater-Strukturwandlung in Mecklenburg-Vorpommern war vollzogen. Klar war dennoch, mit dem Spielort Anklam allein würde kein Blumentopf zu gewinnen sein. Die Köpfe rauchten, und schließlich brachte ein leibhaftiger Clown die Idee: Ein Theaterzelt. Bespielt mit eigenem Repertoire, mit Gastspielen und natürlich im Sommer vor Urlaubern und Einheimischen. Theaterferien im Juli und August adé.

„Wir waren damals skeptisch und begeistert zugleich. Es passierte etwas, wir behielten die Arbeit, und die bekam noch einen Hauch von Abenteuer", erinnert sich Cornelia Flesch. Die Sportlehrerin war der Liebe wegen nach Anklam gezogen und arbeitete dort zunächst in der Theaterkantine, wurde dann Requisiteurin und später Inspizientin. Mitunter spielt sie auch Regieassistentin oder Schauspielerin. Getreu dem Motto des Theaters: „Hier kann jeder alles“. Unvergessen Cornelia Fleschs Auftritt als Juno in Hack's „Die schöne Helena“. „Tach ooch“ raunzt sie da ihren Gatten Jupiter an. In jeder Vorstellung gab's Lacher.

Doch so schön das Spielen auch ist, hinter der Bühne fühlt sie sich wohler. „In der ersten Chapeau Rouge-Saison standen 10 und 15 Uhr ein Puppenspiel, 17 Uhr ein Kinderstück, 21 Uhr Abendstück und manchmal Mitternachtskino auf dem Spielplan und alles ohne einen freien Tag. Das war schlichter Theaterwahnsinn“, sagt sie: „Nachts klebten wir Plakate, unsere Kinder mein Christopher war damals sieben Jahre alt bekamen Flyer in die Hand und verteilten sie am Strand. Auf dem Platz gab es einen Wasserhahn, kalt für alle. Eine Trockentoilette für

die Theaterleute, eine fürs Publikum.“ Geschichten aus dem Jahr 1948/49? Nein, 1993 Aufbruchstimmungen ähneln sich vielleicht irgendwie. Heutzutage ist alles tipptopp.

Der schönste Platz war die Kantine. Hier trafen sich alle und schwatzten lange miteinander auch unerfreuliche Nachrichten ließen sich hier leichter überbringen: Die Darstellerinnen von „Hexen“ planten, für ihre Premierenfeier Geld vom Konto zu holen. Der dabei sitzende Intendant Wolfgang Bordel dazu: „Der

Weg lohnt nicht, es ist kein Geld drauf. Morgen gibts Abschlag, in bar.“

„Das Zelt“, sagt Cornelia Flesch, „war immer und in jeder Hinsicht familiär. Bei einer Vorstellung von Shaffers ,Laura und Lotte' holten wir für die bibbernden Zuschauer Decken aus unseren Wohnwagen. Es kamen ausgesprochen neugierige Theaterliebhaber, die zum Beispiel sehen wollten, wie Bühnenklassiker in solch ungewöhnlicher Atmosphäre funktionieren. Manche, so kann man orakeln, nutzen die Ferien, um sich und den halbwüchsigen Kindern Goethes ,Faust' nahezubringen. Die Premiere von Shakespeares ,Othello' hätten wird dreimal verkaufen können.“

Das war nicht zu toppen. Heringsdorf änderte sich, fand zu seiner „alten Vornehmheit ausgedrückt in Preisen“ (Heinrich Mann) zurück. Dem touristischen Fortschritt fielen als erstes 80 Prozent der Puppenspiele zum Opfer, dann folgten in ähnlichen Dimensionen die Kinderstücke. Doch nicht nur, dass weniger Familien hier Urlaub machten. Die Minigolfanlage lockte, das Kurhaus bot Interessantes, die Hoteliers bemühten sich um kleine Events. Wie also wieder leuchten? Tragen wir der guten Unterhaltung verstärkt Rechnung lautet das Motto seit einigen Jahren. Sicher gelingt das mit dem diesjährigen Höhepunkt „Im weissen Rössl“ mit Alfred Müller als Berliner Fabrikant Wilhelm Giesecke, der so heißt es im Stück, „lieber nach Ahlbeck“ gefahren wäre, statt an den Wolfgangsee. Besser ist Lokalkolorit wohl nicht zu treffen (ab 8. Juni).

Alfred Müller ist der erste Prominente aus Film und Fernsehen, der in einem Chapeau Rouge-Stück mitspielt. Aber auch er war schon als Zuschauer hier. „Berührend“, erzählt Cornelia Flesch, „war der 70. Geburtstag von Rolf Ludwig, der im Zelt las und praktisch die gesamte Schauspielprominenz des Deutschen Theaters eingeladen hatte.“ Eher aufregend dagegen die europäischen Außenminister, die hier im Zelt einen bunten Abend hatten und am nächsten Morgen ihre Pressekonferenz im Chapeau Rouge gaben. „So sicher war der Platz noch nie, überall schnüffelten Hunde, die Catering-Firmen gaben sich die Klinke in die Hand und wir koordinierten alles eine interessante Erfahrung“, meint sie: „Aber richtiges Theater ist doch besser.“

Und um nochmal auf den jüngsten Flyer-Verteiler aus Chapeau Rouge-Anfangszeiten zu kommen: Christopher Flesch steht heute am Lichtpult des Zelts. Der Lehrling für Veranstaltungstechnik wird auch die einmalige Show „Wundervoll, fabelhaft zehn Jahre Chapeau Rouge“ am 31. Mai ins rechte Licht rücken. An diesem Abend wird in Erinnerungen geschwelgt. Was haben wir nicht alles erlebt: Den „Raub der Sabinerinnen“ und den „Himmel auf Erden“, wir besuchten „Bunbury“, erlebten die folgenschwere Verwechslung von „Zwei Krawatten“ und vieles mehr. Die Schauspieler der Vorpommerschen Landesbühne Anklam geben sozusagen ein „Best of“ aus Liedern und Szenen der vergangenen zehn Jahre. Übrigens begonnen hatte damals alles mit Lane/Brechts „Happy end“. Das war offenbar ein gutes Omen.

Jubiläumswochenende in Heringsdorf: 31. Mai, 20.00 Uhr „Wundervoll, fabelhaft zehn Jahre Chapeau Rouge; 1. Juni, 10. 15 Uhr „Rotkäppchen & der Wolf“, Puppenschauspiel; 11.00 bis 16.00 Uhr Märchenhaftes Kinderfest; 2. Juni, 11 Uhr Musikalischer Frühschoppen und Schwein am Spieß.

Karten für alle Veranstaltungen: Tel: 03971 2089 25



MARTINA KRÜGER

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