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Kultur Wandern als Weltgefühl
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00:04 15.05.2018
Selbstbildnis von Otto Dix (1912) Quelle: Foto: Kunstsammlungen Chemnitz

Berlin. Nun war aber ein wenig Entschleunigung angesagt. Die Französische Revolution war noch nicht lange her. Die Dampfmaschine, die Spinnmaschine erfunden. Der mechanische Webstuhl sorgte dafür, dass Stoffe viel schneller und mit weniger Leuten hergestellt werden konnten. Und die Lokomotive sollte auch bald kommen.

Die Alte Nationalgalerie zeigt das neue Naturverhältnis in der Kunst des 19. Jahrhunderts

Wanderlust

Die Ausstellung „Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir“ in der Alten Nationalgalerie in Berlin, Bodestraße 1-3, ist bis zum 16. September zu sehen.

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr

Mit der Industrialisierung wurde die Welt komplexer – und vor allem schneller. Die Aufgeklärten im aufgestiegenen Bürgertum fragten sich, ob das wirklich so weitergehen soll. Und hatte nicht der französische Zivilisationskritiker Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) schon immer vor den Folgen gewarnt?

Hatte er. Und löste im Nachhinein einen Run auf die Natur aus. Erst waren es die Intellektuellen, die Künstler, die sich zu Fuß auf den Weg machten, viel später wurde Wandern dann zum Volkssport.

Die Natur als Raum der Erholung vom Stress des Alltags. Es entstand ein neues Lebensgefühl. Wie es sich in der Welt der Kunst durchgesetzt hat, zeigt die heute eröffnete Ausstellung „Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis August Renoir“ in der Alten Nationalgalerie in Berlin.

Eine Ausstellung von Bildern aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Und trotzdem ist sie topaktuell, schaffen die gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbrüche durch Globalisierung und Digitalisierung doch bei vielen Menschen erneut genau dieses Lebensgefühl: eine Sehnsucht nach überschaubaren Welten, geschützten Rückzugsorten, sicherer Orientierung. Vintage-Mode, Retro-Chic, regionale Küche, Landlust sind nur Beispiele für diese Sehnsucht nach einer neuen Einfachheit und Naturverbundenheit.

Rousseau war lieber zu Fuß gegangen, als mit der Kutsche zu fahren. Der Weg ist das Ziel, hatte der große Philosoph propagiert – es wurde zum geflügelten Wort. Das Wandern durch die Natur verschaffe einem ein ganz anderes Weltgefühl und vor allem eine ganz neue Erfahrung seiner selbst. In seinem Erziehungsbuch „Emile“ schrieb Rousseau schon 1762 über das langsame Reisen zu Fuß: „Da ich lediglich von mir abhängig bin, so genieße ich alle Freiheit, die irgendein Mensch nur genießen kann.“

Es ist eine Flucht vor den Zivilisationszwängen und die Hoffnung auf Selbstfindung. Die Natur hatte dabei ein neues Gesicht bekommen. Sie hatte den Nimbus der Wildnis und der Gefahr ein Stück weit verloren. Sie war nun Ort des Abenteuers, des Neuen, Unbekannten. Sie eröffnete neue Horizonte.

Die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in Berlin zeigt diesen Aufbruch. Die Künstler verlassen ihre Ateliers, wo Landschaften bislang meist idealisiert nachempfunden wurden. Sie gehen nach draußen. Vor allem in der Romantik entsteht eine neue Innerlichkeit, die eng mit einer vermeintlich ursprünglichen Naturerfahrung verbunden wird.

Geradezu prototypisch dafür ist der „Wanderer über dem Nebelmeer“, den Caspar David Friedrich (1774-1840) um das Jahr 1817 in Öl gemalt hat. Der Bürger im Gehrock und mit Wanderstab steht in in den Bergen, schaut, dem Sturm die Stirn bietend, in eine Nebelwand. Vor ihm tobt eine unzähmbare Natur. Das Ganze eine Mischung aus Faszination und Bedrohung. Die Natur tritt hier nicht in ihrer Schönheit, sondern als übermächtige Gewalt in Erscheinung. Naturerfahrung wird zur Erfahrung des Erhabenen.

Dieses Naturbild taucht in der Ausstellung immer wieder auf. Riesige Landschaften, in die Personen wie kleine Spielzeugfiguren gestellt sind, so etwa bei Thomas Fearnleys „Landschaft mit Wanderer“, Heinrich Reinholds „Der Watzmann vom Wimbachtal aus“ oder Karl Friedrich Schinkels „Felsentor“.

Einer der Höhepunkte der Schau sind die Wandererbilder von Gustave Courbet (1819-1877) und Paul Gauguin (1848-1903). Courbet hatte sich 1854 auf seinem Bild „Bonjour Monsieur Courbet“ als Wanderer gemalt, der seinem Mäzen, dem Millionär Alfred Bruyas, und dessen Diener begegnet, und sich in überlegener Pose inszeniert, um die Autonomie des Künstlers zu unterstreichen. Eine Provokation, die den zeitlebens mittellosen Paul Gauguin 35 Jahre später dazu animierte das Bild „Bonjour Monsieur Gauguin“ zu malen, das ihn als gesellschaftlichen Außenseiter zeigt. Beide Bilder sind Leihgaben aus Montpellier und Prag und erstmals nebeneinander zu sehen. Der Gauguin hängt dort allerdings nur bis zum 1. Juni.

Bemerkenswert am Thema Wanderlust: Das Wandern durch die wilde Natur wird irgendwann diszipliniert zum einfachen Spazierengehen. Sind die Wanderer meist männlich, tauchen beim Spazieren durch die Natur ganze Familien und häufiger auch Frauen auf. Diese Bilder zeigen, wie sich die Frau im 19. Jahrhundert innerhalb des Bürgertums langsam ihre Freiräume erobert.

Es ist aber auch die Zeit der Rückkehr in die Stadt. Diesen Moment unterschlägt die Ausstellung allerdings. Dem Spazieren durch Gärten und Parks entspricht im 19. Jahrhundert der dandyhafte Flaneur, der ziellos durch die sich proletarisierende Großstadt streift. Die Welt der Technik und der Industrie kehrt zurück.

Mathias Richter

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