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Warhol, Beuys und der Staubbart

Kunst restaurieren Warhol, Beuys und der Staubbart

Restauratoren sind Detektive, Tüftler, Künstler, Pfleger in einem, und Kunstwerke sind wie Patienten, die ab und zu auf den Operationstisch müssen. Nicht immer gelingt die Operation.

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Einige der Utensilien, die Restauratoren für ihre Arbeit benötigen.

Quelle: Patrick Seeger

Basel. „Zahnärztin“ denkt man sofort, wenn Friederike Steckling zu ihren Arbeitsutensilien greift. Das Absaugegerät mit der feinen Düse wie zum Speichelabsaugen, die Pinzette. Aber der Patient vor ihr hat weder Karies noch Zahnstein.

Es ist ein echter Warhol. Andy Warhol, amerikanischer Popart-Künstler, 1928 bis 1987. Vor Steckling liegt ein schwarz-weißes Siebdruck-Kunstwerk auf dem Tisch, ein unbezahlbares Porträt, das den deutschen Künstler Joseph Beuys zeigt. Es gehört zur Sammlung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel, wo Steckling als Restauratorin arbeitet. Bei einer der üblichen Kontrollen hat sie ungewöhnlich viel Staub darauf entdeckt.

„Im Streiflicht, da sieht man's gleich, als sei ein Bart darauf“, sagt Steckling. Sie leuchtet mit einer Art Taschenlampe von der Seite auf das Bild, und die hochstehenden Staubfasern werden sichtbar. „Dadurch erscheint das Schwarz ganz grau.“ Mit dem sanften Pinsel abstauben, das geht hier nicht. Warhol hat nämlich Diamantstaub - naja, eigentlich Glasstaub - für einen Glitzereffekt eingesetzt. Das darf natürlich nicht mit abgewischt werden.

Aber in welchem Zustand ist ein Kunstwerk eigentlich authentisch? Was ist akzeptable Patina? Was muss weg, was nicht? Schwierige Fragen für Künstler, Kunstsammler und Museen. Und für Restauratoren.

2012 machte eine spanische Rentnerin Schlagzeilen, die ein hunderte Jahre altes Fresko in einer Kirche auffrischen wollte und dem Jesus dann einen lächerlichen Kuscheltier-Look verschaffte. Gut, das war eine Amateurin. Aber in der Türkei hat ein heimischer Experte 2015 eines der weltgrößten Museen für römische Mosaiken in Antakya heftig angegriffen. Einige der Schätze seien so stümperhaft restauriert worden, dass die Werke „Karikaturen ihrer selbst“ geworden seien.

Und dann ist da die Sixtinische Kapelle im Vatikan mit Michelangelos weltberühmten Malereien. Dazu gehört die „Erschaffung Adams“ an der Decke mit einem Abbild Gottes, der Adam mit ausgestrecktem Finger zum Leben erweckt. Wo der Meister des Zwielichts geblieben sei, fragten Kritiker empört, als die Decke nach Jahren der Restaurierung 1994 wieder zum Vorschein kam. Von schreiendem Grün, knalligem Rot, ja, von Bonbon-Farben war die Rede. Die Kritik sei ungerecht, sagt Steckling. Michelangelo habe sicher mit leuchtenden Farben gemalt, damit die Gemälde von unten auch gesehen werden konnten. Damals gab es ja noch kein Kunstlicht.

Der Beruf des Restaurators ist nicht geschützt, auch wenn es längst Studiengänge gibt, die Kunstgeschichte, Chemie, Physik und Mikrobiologie einschließen. Das Institut für Konservierung in London hat einen Verhaltenskodex. „Du musst dir über die Grenzen deiner Fähigkeiten im Klaren sein“, steht da zum Beispiel drin.

„Der heutigen Generation der Restauratoren ist wohl bewusst, dass schon viel falsch gemacht worden ist“, sagt der Chefrestaurator der Fondation Beyeler, Markus Gross. „Wir sind übervorsichtig: drei Viertel unserer Arbeit sind Analysen, Recherchen, Diskussionen mit Fachleuten. Wir fragen uns immer: ist ein restauratorischer Eingriff überhaupt notwendig? Unser Bestreben ist es, das, was der Künstler geschaffen hat, in die Zukunft zu tragen.“

Aus konservatorischen Gründen einfacher sei es immer, ein Bild hinter Glas zu zeigen. „Man macht eine Plexiglashaube drum und fertig. Aber hier ist die Frage: hat man dann noch das echte Warhol-Feeling?“

Die Restauratoren betreiben viel Detektivarbeit. Die Stirnlampe mit Vergrößerungsglas gehört zur Standardausstattung des Restaurators, wenn er die Beschaffenheit eines Werkes in Augenschein nimmt. Welche chemische Zusammensetzung haben die Farben, wie war das Atelier, wie entstand das Werk? Oft müssen sie im Labor experimentieren und völlig eigene Säuberungsmethoden erfinden, um zum Ziel zu kommen.

Beim Beuys-Porträt ist zum Beispiel die Frage, woher der Staub stammt und was es ist. „Hat er womöglich einen Wollmantel getragen? Oder hat ein Vorbesitzer des Werks mal eine persische Katze gehabt?“, sagt Steckling scherzhaft. Sie hat im Internet durch Zufall ein Video entdeckt, das zeigt, wie Warhol das Polaroid-Foto von Beuys macht, das als Grundlage für den Siebdruck diente.

Erst wenn alle erdenklichen Puzzlesteine zusammengetragen sind, geht es an die Arbeit. Millimeter um Millimeter. Alles in allem dauert das Monate. „Warhol hätte sich womöglich totgelacht, dass wir ein Jahr an seinem Bild arbeiten“, meint Steckling. Über dem Werktisch mit dem Bild ist eine Plastikschiene montiert, damit sie die Leinwand bei der Arbeit nicht berührt. „Es ist aufregend, so nah an einem Kunstwerk zu sein“, sagt sie. „Es ist ja fast, als säße man neben dem Künstler.“

Wenn sie das Atelier abends verlässt, legt sie ein Schild auf den Tisch: „Achtung Kunst“. Damit die Reinigungskräfte besonders vorsichtig sind. Das lässt Erinnerungen an das Beuys'sche Kunstwerk der Kinderbadewanne voll Fett, Pflaster und Mullbinden wach werden. Es war auf Schloss Morsbroich in Leverkusen untergestellt, bis zwei Frauen die Wanne bei der Vorbereitung einer Veranstaltung 1973 entdeckten. Sie wollten darin Biergläser spülen und schrubbten das gute Stück mit Scheuermittel glänzend. Der Schaden: 80 000 D-Mark.

dpa

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