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In Lübeck geboren, in Mecklenburg aufgewachsen – Alina Herbing beschreibt in ihrem Debütroman eine Jugend auf dem Lande

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Endstation Sehnsucht: Alina Herbing wollte bereits als Jugendliche das Dorf verlassen. Sie lebt jetzt in Berlin.

Quelle: Foto: Heiko Preller

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In Lübeck geboren, in Mecklenburg aufgewachsen – Alina Herbing beschreibt in ihrem Debütroman eine Jugend auf dem Lande

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Lesungen

Alina Herbing liest am 16. März, 19 Uhr, im Lübecker Buddenbrookhaus und am 21. April, 19.30 Uhr, in Carlow (Nordwestmecklenburg) im Dorfgemeinschaftshaus aus

„Niemand ist bei den Kälbern“ , Arche-Verlag, 254 Seiten, 20 ß, erscheint am 10. Februar

Schlagsülsdorf. Alina Herbing kommt in Gummistiefeln zum Dorfplatz. Das soll nicht besonders originell sein, es ist nur praktisch im Februarmatsch, außerdem war sie gerade mit einem Fernsehteam beim Bauern. „Ich riech’ noch nach Kuh“, sagt die zierliche junge Frau mit den großen graublauen Augen lächelnd. Den kleinen Dorfteich säumen vier Häuser und eine Bushaltestelle. Das Windrad hinterm Dorf verschwindet im Nebel. Kein Mensch, nirgends. Ein Schäferhund rennt bellend am Zaun lang. Alina Herbing, 1984 in Lübeck geboren, ist hier aufgewachsen. 15 Kilometer östlich der Hansestadt – eine andere Zeitzone.

Ein Echo davon findet sich in ihrem Debütroman „Niemand ist bei den Kälbern“. Die fiktive Handlung jenseits aller kommoden Landlust-Romantik spielt in Schattin, Carlow und anderen Orten in Nordwestmecklenburg, die Protagonisten heißen Caro, Danilo, Torsten, Sindy und leben im ehemaligen Sperrgebiet nahe der früheren Grenze. Die Natur überwuchert die Erinnerungen, und die Menschen, die davon erzählen können, haben keine Lust, darüber zu reden. Es gibt die Alteingesessenen und die Neuen. Die Neuen bleiben neu, auch wenn sie schon 20 Jahre hier leben.

Eine Gegend, in der der Schulbus öfter vorbeikommt als das Glück. Hauptfigur Christin ist ohne Mutter aufgewachsen, Vater ist Alkoholiker. Nach einem Jahr Friseurlehre ist sie als Freundin des Jungbauern zu Stallarbeit verdammt. Es ist ein flirrender Sommer, der Weizen vertrocknet, beim Heumähen zerhäckseln sie ein Rehkitz, auf dem Teichfest wird gesoffen und geprügelt. Christin will weg.

„Es muss doch noch mehr geben als Kühe.“ Wenn Flugzeuge in Lübeck starten, schickt sie ihnen Sehnsuchtsblicke nach. Die junge Frau sucht ihr Glück bei einem Windrad-Monteur aus Hamburg, doch hinterm Horizont geht es auch mit ihm nicht weiter. Die Sprache ist schlicht, wer im Norden mehr als Dreiwortsätze spricht, gilt als geschwätzig. Alina Herbing nimmt den Ton auf („Bis jetze, sach ich ma“).

Durch die Seiten weht der Geruch von Gülle und Alkohol.

Ist es wirklich so?

Alina Herbing überlegt nicht lange. So habe sie es erlebt Anfang der 1990er Jahre, als die Eltern mit ihr und den drei Geschwistern in das alte Bauernhaus mit Plumpsklo zogen. „Am Anfang war es ja noch ganz schön mit unseren Ziegen und vielen Tieren. Doch spätestens in der Pubertät wurde alles zu eng. Wir waren frei und tolerant erzogen, allein die konservativen Schulmethoden waren ein Schock für mich.“ Alina hat viele Freunde im Dorf, aber sie bleibt das Wessikind, das man schon an der Sprache erkennt: Waschautomat statt Waschmaschine, Führerschein statt Fahrerlaubnis. „Ich wurde nicht gemobbt, aber ich gehörte auch nicht richtig dazu.“ Alina fährt mit dem Schulbus ins Gymnasium. Keiner aus dem Dorf hat bisher Abi gemacht. „Die einzige Abwechselung für mich waren Wochenenden bei Freunden aus dem Gymnasium. Ansonsten hing man an der Busbude oder auf Dorffesten rum.“

Alina studiert in Greifswald Geschichte und Germanistik und danach Kreatives Schreiben in Heidelberg, ist inspiriert von Ingeborg Bachmann, Clemens Meyer, Jörg Fauser. Sie schreibt Kurzgeschichten über ihre Kindheit, weil Freunde das so interessant finden. Daraus entsteht ihr erster Roman. Alina Herbing spricht mit Respekt von ihren Figuren, und je länger sie vom Dorf entfernt ist, desto mehr wächst Verständnis. Der wirtschaftliche Druck, patriarchalische Strukturen, Frauen, die die Gegend verlassen, Männer, die ratlos zurückbleiben: „Man ist so hohen Erwartungen ausgesetzt, und es erfordert wirklich viel Mut, sich etwas zu trauen und Neues zu wagen.“

Das sei auch das Problem ihrer Hauptfigur. „Christin steht unter Druck, aber erkennt nicht, was ihr Problem ist und wie sie es lösen kann. Sie muss erst alles um sich herum zerstören, um frei zu werden.“ Natürlich könnte man auch ein anderes Bild zeichnen: rapsgelbe, hügelige Landschaft, die großen Bauernhöfe backsteinrot koloriert, schnuckelige Hofcafés, liebevoll sanierte Häuser, Konzerte, Galerien Radlerparadies. „Es hat sich viel verändert in den letzten Jahren. Doch man darf deshalb vor den Problemen nicht die Augen verschließen.“ Alina Herbing habe ihr Dorf wieder lieben gelernt, vor allem die Natur. Die Angebote in Berlin jedoch möchte sie nicht missen.

Dass Menschen aus Schattin, Carlow und den anderen Orten ihre Beschreibungen nicht lustig finden könnten, vielleicht sogar empört sind, habe sie beim Schreiben nicht bedacht. „Von solchen Gedanken muss man frei sein.“ Schreiben werde sie weiter. „Ich habe schon viele Romanideen. Vielleicht schreibe ich ja auch mal etwas Autobiografisches.“

*Die Journalistin zog in den 1990er Jahren von Berlin in die beschrie- bene Gegend. Ihre Kinder haben das Dorf mit 13 und 18 Jahren verlassen.

Petra Haas

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