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Kultur Was Kinder in aller Welt essen: Fotograf blickt kritisch aufs tägliche Brot
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00:04 04.05.2018
Wenn die Flut kommt: „Drowning World“ heißt die Fotoschau des Londoner Fotografen Gideon Mendel.

Ein Sprichwort sagt: „Du bist, was du isst“. Was verrät Nahrung über den Menschen?

Gregg Segal

Segal studierte Fotografie und Film, Dramatisches Schreiben und Erziehungswissenschaft in Kalifornien und New York. Er lebt mit seiner Familie in Kalifornien.

Gregg Segal: Sie beeinflusst uns in einer Weise, die uns oft nicht bewusst ist. Wenn wir viel Junkfood essen, fordert das irgendwann seinen Tribut.

Für das Projekt „Daily Bread“ haben Sie Kinder mit dem fotografiert, was diese in einer Woche essen. Wie ist die Idee entstanden?

Sie entstand durch mein Projekt „7 Days of Garbage“ bei dem ich Menschen in ihrem Müll fotografierte. Ich sah all die Verpackungen und fragte mich, warum brauchen wir so viele Fertigprodukte? Also habe ich angefangen, Kinder mit ihrem Essen zu fotografieren, weil Essgewohnheiten schon im jungen Alter entstehen und oft ein Leben lang bleiben.

Also sind die Bilder eine Mahnung an die Eltern, sich kritischer mit dem Essen der Kinder auseinanderzusetzen?

Ja, definitiv. Viele haben dafür kaum noch Zeit. Einige Eltern waren tatsächlich sehr überrascht, was ihre Kinder essen. Ein indischer Vater sagte, ich kann nicht glauben, wie viel Junkfood meine Tochter isst (lacht).

Es geht also um Aufmerksamkeit?

Ja, die Kinder sollen eine Woche lang ein Foto von allen Mahlzeiten machen und darüber nachdenken, wie vielfältig und ausgewogen ihr Speiseplan ist. Was kommt aus dem Garten? Wie viel ist abgepackt, und welche Zutaten sind darin? Gleichzeitig will ich die Betrachter ermutigen, die wie ich sie nenne „Daily Bread Challenge“ anzunehmen.

Wie wurden die Kinder ausgesucht?

Das war schwierig, wie das ganze Projekt. In jedem Land muss man jemanden finden, der das Shooting organisiert und das Casting mit den Kindern macht. In den USA beispielsweise sind rund 25 Prozent der Kinder übergewichtig oder sogar fettleibig. Ich versuche in meinen Fotos solche Statistiken widerzuspiegeln. Wir suchen vier Kinder aus, die eine Woche lang aufschreiben, was sie essen. Die Pläne werden Köchen und Foodstylisten übergeben, die das Essen zubereiten. Bei vier Kindern sind das insgesamt 84 Mahlzeiten. Das ist sehr aufwendig.

Was haben Sie herausgefunden?

Oft sind zu wenig Gemüse und zu viel Zucker in der Nahrung. Das skurrilste Beispiel war ein Mädchen aus den USA, das Vegetarierin ist, aber kein Gemüse isst, sondern sich von Fertigprodukten wie Hot-Dogs mit Soja-Würsten und Chips ernährt.

Essen Kinder in ärmeren Ländern schlechteres Essen als in reicheren Ländern?

Nein. Das Interessante ist, dass es in den USA meist die ärmeren Kinder sind, die Junkfood essen. Anderswo habe ich das Gegenteil erlebt. In Indien habe ich ein Mädchen fotografiert, dessen Vater fünf Dollar pro Tag verdient. Es würde ihn drei Tageslöhne kosten, ihr eine Pizza zu kaufen. Ihre Mutter kauft von dem Geld Gemüse und bereitet frisches Essen zu. Anchals Familie isst mehr frische Nahrung als einige Kinder aus der Mittelklasse, die Fast Food als eine Art Statussymbol betrachten.

Das stimmt mit einer Studie der Cambridge-Universität von 2015 überein, die untersucht hat, in welchen Ländern die Ernährung am gesündesten ist. Neun der Top zehn sind in Afrika.

Ja, dass die Länder mit der gesündesten Ernährung gleichzeitig die ärmsten Länder der Welt sind, zeigt, dass etwas falsch läuft. Es sagt eine Menge über unser Nahrungsmittelsystem aus.

Ein anderes Projekt, das Sie bereits erwähnt haben, ist „7 Days of Garbage“. Wie haben Sie die Menschen davon überzeugt, im Müll zu posieren?

Einige fanden die Idee unterstützenswert, andere musste ich mit Geld motivieren (lacht).

Und alle haben ihren stinkenden Müll mitgebracht?

Einige haben geschummelt und die ekligsten Sachen nicht mitgebracht. Einer hat sogar seine Eierschalen gewaschen. Eine Frau kam mit den vollen Windeln ihres Babys, was wirklich krass war, weil es so heiß war. Sie lag in der prallen Sonne zwischen den stinkigen Windeln mitsamt ihrem schreienden Baby.

Haben die Menschen danach ihren Müll kritischer entsorgt?

Ja, das war die Idee. Jedes Mal wenn ich etwas wegwerfe, zu überlegen, wie viel trage ich zum Gesamtproblem bei. Und es ist tatsächlich schwer, ein Problem zu ignorieren, wenn man direkt drinliegt.

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Die Plastik-Müll-Deponie mitten im Pazifik ist mittlerweile viermal so groß wie Kalifornien. Das Bewusstsein dafür ist zwar gewachsen, trotzdem haben wir in den letzten zehn Jahren mehr Plastik produziert als in der kompletten Menschheitsgeschichte. Aber um etwas zu ändern braucht man viele Stimmen. Ich bin eine – je mehr Menschen einstimmen, desto besser.

Umweltfotofestival „Horizonte Zingst“ geht in elfte Runde

Vom 26. Mai bis zum 3. Juni findet das 11. Umweltfotofestival „Horizonte Zingst“ statt. Erwartet werden international renommierte Fotografen, darunter der Kalifornier Gregg Segal (siehe oben) oder die Londoner Fotografen Gideon Mendel und Tim Flach. Gezeigt werden insgesamt 22 Fotoschauen, die von klassischer Naturbeobachtung über internationale Wildlife-Fotografie bis hin zu bildjournalistischen Schilderungen dramatischer Zeitphänomene reichen. Hinzu kommen Multivisionsshows, Workshops, Podiumsbeiträge und die „Bilderflut“ am Meer.

Infos unter:

www.erlebniswelt-fotografie-zingst.de

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