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Was Sie schon immer über Blümchensex wissen wollten

Lübeck Was Sie schon immer über Blümchensex wissen wollten

Erst ein Bestseller über das geheime Leben der Bäume, nun ein Buch über das Liebesleben von Blumen – was macht Pflanzen plötzlich so sexy?

Lübeck. Sprechen wir über Frühlingsgefühle. „Die Blumen werden billiger, die Mädchen werden williger“, schrieb schon der gute alte Erich Kästner, doch nicht um Mädchen soll es gehen, nein um die Blumen selbst und ihre weitverzweigte Verwandtschaft auf Feld und Flur. Der Mai ist gekommen, und trotz der Kälte knospet und sprießt es, was das Zeug hält, und den Menschen zieht es hinaus ins Grüne. Wer allerdings Michael Allabys Buch „Blümchensex“ gelesen hat, sieht die Pracht mit anderen Augen. Denn laut Allaby ist das nichts anderes als eine „schamlose Zurschaustellung von Sexualorganen“ sowie die Aufforderung zum Gruppensex, bei der jede Pflanze laut nach Aufmerksamkeit brüllt. Ich! Nimm! Mich!

 

OZ-Bild

Abbildung aus dem Buch „The Temple of Flora“ von Robert John Thornton (1768-1837).

Quelle: Foto: Bridgemanimag.com
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Das Buch

„Blümchensex“ erfreut nicht nur Natur- und Gartenfreunde, sondern mit seinem opulenten Cover und wunderbaren farbigen Zeichnungen aus dem

19. Jahrhundert auch

Buchliebhaber (Michael

Allaby, Verlag Delius Klasing, 240 Seiten, 57 farbige Abbildungen, 29,90 Euro)

Michael Allaby ist 83 Jahre alt, Schotte, und er steht nicht unbedingt unter Verdacht, Schmuddelbücher zu verfassen. Er dokumentierte Anfang der 1970er Jahre den Beginn der Umweltbewegung und schreibt seitdem populärwissenschaftliche Bücher und Nachschlagewerke für Gärtner. Er sei neugierig, wie Dinge funktionieren, und liebe es, Geschichten zu erzählen, sagt der Brite, und in seinem Buch über das Liebesleben der Pflanzen widmet er sich der Fortpflanzung. Was macht das Bienchen mit dem Blümchen? Wie bringen Pflanzen ihren Samen unters Volk? Warum kommt es bei Bestäubern auf die Größe an? Wie wächst die Pollenröhre bis in den Griffel der weiblichen Blüte?

Dabei übersetzt Allaby komplizierte Vorgänge in menschliche Kategorien, und das liest sich dann so: „Weil Pflanzen nun mal nicht selbst auf Partnersuche gehen können, brauchen sie Kuppler – je mehr, je besser.“ Da geht es um Freier wie Schmetterlinge oder gar Schnecken als Bestäuber („Zoophilie ist eine glitschige Angelegenheit und nicht die schnellste“). Allaby beschreibt die Schüchternen und die Selbstverliebten, die Vordrängler, die Betrüger und die, die in aller Öffentlichkeit um Freier buhlen – und jene, die es sich selbst besorgen. „Wer ins Unterholz schaut, wird Zeuge der Unzüchtigkeit von Waldpflanzen. In den Hecken hingegen finden die raffinierteren Verabredungen statt. Und in der Wüste geht’s naturgemäß heiß her. Hier greift die Devise: Laut und schnell“, schreibt Allaby.

Der Brite scheint mit seinem Anthropomorphismus, also der Vermenschlichung der Pflanzen, einen Nerv der Zeit zu treffen. Ähnlich wie der diplomierte Förster Peter Wohlleben, der mit seinen Bestsellern „Das geheime Leben der Bäume“ und „Das Seelenleben der Tiere“ seit Monaten auf den Bestsellerlisten steht. Wohlleben und Allaby schreiben der Natur menschliche Einfühlung und Entschlusskraft zu, und Allaby behauptet gar: Pflanzen wissen, was sie tun. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Vermehrung und Verständigung von Pflanzen mittels chemischer Botenstoffe werden so erzählt, als seien sie bewusstes Handeln. Zwar beschreibt er wissenschaftlich exakt und detailgetreu die Fortpflanzungspraktiken, doch auf unterhaltsame Art, und das Verständnis für Narzisse und Gänseblümchen ändert sich.

Denn ganz nebenbei, und man darf vermuten, es ist die eigentliche Absicht der Autoren, jubeln sie den Lesern ihre Botschaft unter: Die Natur ist extrem gefährdet durch Raubbau, Monokultur, Industrialisierung. Geht sorgsam um mit ihr. Habt Respekt vor den Pflanzen, die weit mehr sind als Futter, Rohstoff und Verschönerung der Landschaft. Geht die Natur zugrunde, werden die Menschen folgen.

Allaby und Wohlleben verpacken ihre ernsten Aussagen in launige Geschichten von beseelten Landschaften, und das liest sich wie ein Gegenentwurf zu unserem digitalisierten, durchgetakteten Alltag.

„Kann es in aufgepeitschten und unruhigen Zeiten etwas Tröstlicheres geben als den Entwurf eines funktionierenden gesellschaftlichen Gefüges, das in gegenseitiger Achtung und in Solidarität und Generationengerechtigkeit lebt?“, schreibt der Literaturkritiker Christoph Schröder. Zumindest wird man beim nächsten Ausflug ins Grüne nach der Lektüre von „Blümchensex“ Pollenflug und surrende Insekten mit mehr Nachsicht ertragen, denn letztendlich sind Pflanzen auch nur Menschen, womit wir wieder bei den Frühlingsgefühlen wären. Schönen Sonntagsausflug!

Petra Haase

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