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00:00 09.07.2016

An diesem Abend hat das Theater den Fußball deklassiert: Was ist schon ein profanes Fußballstadion auf dem Bildschirm gegen die grandiose Kulisse der Georgenkirche?

Für die diesjährige Inszenierung des „Faust“, der am Donnerstagabend Premiere feierte, haben die Spielmacher den sakralen Spielort der Festspiele Wismar als Welten-Raum spektakulär in Szene gesetzt:

Riesige Planeten schweben im hohen Altarraum, kalt und metallfarben zunächst, verändern sie in wechselndem Lichtspiel ihre Farbe und die Atmosphäre des Bühnenraums. Die beeindruckende Wirkung dieses Firmaments, das Bühnenbildner Falk von Wangelin geschaffen hat, illustriert perfekt das Thema dieses Bühnenklassikers, der auch mehr als zwei Jahrhunderte nach seiner Veröffentlichung keinerlei altersbedingte Verschleißerscheinungen zeigt.

Goethes „Faust“ auf der Bühne der Georgenkirche wirkt im Gegenteil wie ein Prototyp des modernen Menschen, den es drängt, die Welt nach seinem Willen zu gestalten und über ihre Ressourcen zu verfügen, global und grenzenlos. Der jedes Maß verloren hat und danach strebt, „schaffend Götterleben zu genießen“. Johann Wolfgang von Goethe hat seinen Faust als Stellvertreter einer neuen Weltordnung in Folge der Französischen Revolution angelegt, die den Klerus entmachtet, den Adel vom Thron gestoßen und den Bürger zum Meister seines eigenen Schicksals gemacht hat. „Goethe hat diesen Bruch in einer wahnsinnig hellsichtigen Weise gespürt, die Gefahren des Maschinenzeitalters und die Maßlosigkeit des entfesselten Menschen in einer beängstigenden Klarsichtigkeit vorausgesehen“, sagt Regisseur Holger Mahlich. „Deswegen ist das ein so gegenwärtiges, packendes Stück, und ich hoffe, dass unsere Inszenierung einen Hauch davon ahnen lässt.“

Holger Mahlich, der in Weimar geboren ist, tigert an diesem Abend unruhig durchs Kirchenschiff. Er bringt den „Faust“ als ein großes Spektakel auf die Bühne und hofft, dass das Publikum diesem vermessenen und verführten Helden auf seinem Weg „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“ folgend wird. Es ist eine lange, trotz zahlreicher Kürzungen mehr als drei Stunden währende Strecke, in deren Verlauf aus dem nach Wissen und Erkenntnis strebenden Mann ein Maßloser wird. Faust, gealtert und gescheitert am Anspruch zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammen hält“, schließt einen Pakt mit dem Teufel, um das Leben in seiner ganzen Fülle zu genießen. Was er nicht weiß: Mephisto hat zuvor mit Gott gewettet, dass er Faust verführen und korrumpieren kann.

Mephisto, diabolisch gut gespielt von Mario Ramos, weiß als geschickter Manipulator genau, wie er den anmaßenden Charakter Faust zu fassen bekommt – bei seinen Begierden. Die müssen erst einmal geweckt werden: Ein Verjüngungstrank macht den vertrockneten Studiosus wieder zu einem jungen, potenten Mann. Die Verwandlung ist augenfällig: Faust erscheint verjüngt als Dandy in silberglänzendem Frack, eitel und anmaßend, ein Geck fast schon – und verguckt sich ins unschuldige Gretchen. Er verführt sie, opfert ihre Unschuld seinen Trieben, das Drama nimmt seinen Lauf, Mephisto scheint seine Wette zu gewinnen . . .

Sascha Gluth verkörpert den Faust mit der Souveränität eines Profis, extrem präsent agierend – und doch ist sein Faust als Charakter nicht wirklich fassbar, während Elinor Eidt als Gretchen in ihrer mädchenhaften Verliebtheit und tiefen Verzweiflung über die Folgen ihres Falls berührt und das Publikum bannt. Weit mehr als das Fußballspiel, das zeitgleich mit dem „Faust“ zu Ende geht.

Verloren aber war der Abend in der Georgenkirche sicher nicht.

Regine Ley

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