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„Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt“

Leipzig „Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt“

Der Schriftsteller Werner Heiduczek wird heute 90. Der Autor des Romans „Tod am Meer“ lebt seit 1972 in Leipzig.

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Der Schriftsteller Werner Heiduczek (90) mit seiner Lebensgefährtin Traudel Thalheim (80) FOTO: ANDRE KEMPNER

Leipzig. . „Ich glaube schon, dass die Märchen bleiben werden“, hatte Werner Heiduczek Ende Oktober gesagt. Auf einem für ihn in Leipzig abgehaltenen Ehrenkolloquium sprach er damit indirekt seinem „Restwerk“ die Überlebensfähigkeit ab. Die Romane, Essays, Theaterstücke – nicht mehr der Rede wert? Heiduczek blickt mit Vollendung seines 90. Lebensjahrs am 24. November nüchtern, ja fast radikal auf sein eigenes und das Werk anderer: „Von den heutigen Literaten wird nicht viel bleiben“, sagt er im Geburtstagsinterview. „Was heutzutage entsteht – da bin ich sehr skeptisch, dass in 50 Jahren noch jemand drüber spricht.“

Er selbst wird eine Menge hinterlassen. Mit Erzählungen, Stücken und Hörspielen für Kinder fing es an, und wenn er Schwierigkeiten bekam und mal nicht mehr lief, dann griff er nach der Welt der Sagen und Mythen. So machte sich Heiduczek über „Parzifal“ des Dichters Wolfram von Eschenbach (um 1160 bis etwa 1220) her und erzählte ihn für die Gegenwart nach.

Schon als Student hat er „wie ein Besessener“ geschrieben. 1983 ging er in einem erst später im Essay-Band „Vom Glanz und Elend des Schreibens“ (2011) veröffentlichten Text der Frage nach, was ihn getrieben hat: „Ich schreibe aus demselben Grund, wie ich atme und mich bewege, schlafe und aufstehe. Und es ist ohne Sinn, außer dem, am Leben zu bleiben.“

Heiduczek kam 1926 zur Welt: Der Vater war Bergmeister im oberschlesischen Kohlerevier, die Mutter kümmerte sich zu Hause um fünf Kinder, von denen zwei früh verstarben. Geboren und aufgewachsen in der Industriestadt Hindenburg (heute Zabrze), hatte Werner meist „die Nase voll Kohlenstaub“. Zu Hause ging es „erzkatholisch“ zu. „Ich hatte bald genug von alledem und meldete mich mit 16 freiwillig als Luftwaffenhelfer.“ Warum? „Na ja, wenn Krieg ist und du 16 oder 17 Jahre bist, dann willst du Soldat werden.“ Heiduczeks Lebensgefährtin Traudel Thalheim (80) wirft ein: „Der Werner ist ja sogar mit einem Kumpel mit dem Fahrrad von Breslau bis nach Berlin gestrampelt, bloß um mal einen Luftangriff zu erleben. Und dann gab es gar keinen.“ Im April 1944 geht er zur Wehrmacht. „Ich wollte an die Front, aber dazu kam es nicht.“ Der Krieg ging zu Ende, Heiduczek war nie richtig im Kampfeinsatz. „Zum Glück“, wie er heute sagt. Zunächst gerät er in amerikanische Gefangenschaft, setzt sich in die Ostzone ab, wird von den Sowjets erneut inhaftiert. Dann Neubeginn in Deutschland, Neubeginn für Heiduczek. Er tritt in die SPD ein, weil es 100 Mark „Kopfgeld“ gibt und er sich zu den Sozis hingezogen fühlt. Und wie sein Held Jablonski in „Tod am Meer“ rutscht Heiduczek 1946 bei der Zwangsfusion von KPD und SPD zur SED „so mit hinüber“ in die Staatspartei. Trotz aller Schikanen hält er ihr bis zum Schluss die Treue, bis etwa Mitte 1990.

Heiduczek ist jahrelang von der Stasi bespitzelt worden, davon zeugen mehrere tausend Aktenseiten. Seine Post wurde kontrolliert, das Telefon abgehört, die Wohnung war verwanzt. Er galt der Sicherheitsbehörde als „negativ-feindlicher Mensch“, stand bereits 1971 vor der Verhaftung. Sein 1977 erschienener Roman „Tod am Meer“ wurde 1978 auf Intervention des UdSSR-Botschafters in Berlin, Pjotr Abrassimow, wegen „antisowjetischer Propaganda“ verboten. Es folgten Verunglimpfungen. Heute, mit 90, lehnt sich Heiduczek zurück und sagt: „Eigentlich bin ich immer Kommunist geblieben – auch wenn die Kommunisten, als sie an der Macht waren, sich mit mir nicht vertragen haben.“

Heiduczek startete 1946 nach einem Kurzstudium als Neulehrer in Herzberg, machte Karriere als Schulinspektor und Kreisschulrat in Merseburg, wurde Deutschlehrer im Ausland – und sprang 1964 ab. „Ich hatte von diesem ganzen Lehrerkram, von dem Funktionärsdasein die Nase voll. Ich wollte da raus, ich wollte schreiben.“ Seine Frau Dorothea blieb im Schuldienst und verdiente das Geld für die Familie mit den drei Töchtern. Heiduczek zog sich zurück und schrieb.

Der schwerste Schlag für die Familie: 1996 scheidet Yana durch Suizid aus dem Leben. Zwei Jahre später folgt die Mutter der Tochter. Mit 72 ist Heiduczek Witwer, findet später mit der Journalistin Traudel Thalheim eine Gefährtin. Zu den beiden Töchtern Kerstin (60, Bankerin) und Christiane (67, Ingenieurin), die in Lichtentanne beziehungsweise Oldenburg leben, hat der alte Herr guten Kontakt.

Und Heiduczeks Werk? Kommt da noch was? „Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt. Ich bin ausgeschrieben. Und im nächsten Jahr sterbe ich, das habe ich im Gefühl.“

Werke des Schriftstellers Werner Heiduczek

Neben Romanen wie „Abschied von den Engeln“, 1968 sein literarischer Durchbruch, und „Tod am Meer“, 1977 Auslöser deutlicher Ungnade der DDR-Kulturpolitik, verfasste Werner Heiduczek zahlreiche Kinder- und Jugendbücher sowie Bearbeitungen zu Märchen und Mythen. Darunter „Mark Aurel oder Ein Semester Zärtlichkeit“, „Die seltsamen Abenteuer des Parzival“, „Orpheus und Eurydike“, „Der kleine Gott der Diebe“.

Jan Emendörfer

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