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Kultur Welt-Verwirrspiele in Shakespeares Steinbruch
Nachrichten Kultur Welt-Verwirrspiele in Shakespeares Steinbruch
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00:00 25.04.2017

Die Vorderbühne wird Hinterbühne, und hinten ist vorn. Wäre es nur die eine Verdrehung, dann bliebe das Ganze halbwegs übersichtlich: Auf einer Theaterbühne, die wir Zuschauer nicht sehen, sondern nur von hinten als Schattenspiel ahnen, wird ein Stück gegeben; hinter dieser Bühne, also für uns vorn, laufen ganz andere Vorgänge, zusätzlich verwirrend – erst recht fürs Publikum.

Szene mit Lola Wittstamm und Florian Welsch in „Let Rome In Tiber Melt“, einer Aufführung von Schauspielstudenten an der Rostocker Hochschule für Musik und Theater. Quelle: Foto: Thomas Häntzschel

Für die Abschlussinszenierung des 3. Schauspiel-Studienjahres der Hochschule für Musik und Theater Rostock, die am Wochenende in der Hansestadt Premiere feierte, haben die Regisseure David Czesienski und Holle Münster vom Regiekollektiv „Prinzip Gonzo“ in Texten William Shakespeares gesucht. Und haben dann was ganz Eigenes draus gemacht, freilich unter Verwendung einiger Brocken aus des Meisters Textuniversum (aus den Römerdramen „Antonius und Cleopatra“ sowie „Julius Cäsar“). Dabei vertauschen und vermischen sie nicht nur Vorn und Hinten, sondern auch Oben und Unten sowie – viel gravierender – die Identitäten von Rollen und Schauspieler-Psychen.

Wer da gerade wer ist, und wer – also die gespielte Rolle oder die Schauspielerfigur – gerade was fühlt oder über die Bühne rennt, es bleibt in diesem irritierenden Spiel oft ungewiss. Beispiel:

Einmal flötet die sichtbar an ihrem Pult sitzende Inspizientin ins Mikro, die Statisterie möge nun zur Geisterszene kommen, und dadurch bemerken wir Zuschauer, dass diejenigen, die sich eben auf der Hinterbühne mit großem Pathos durch Shakespeare-Dialogen gespielt hatten, wohl Statisten gewesen sein müssen, die sich in ihrer Pause an großen Texten versuchten.

Aber letztlich geht es um mehr als um fragilen psychischen Situationen der Schauspielerarbeit. „Let Rome In Tiber Melt“ – der Titel des Projekts bezeichnet keineswegs die Vermischung mehrerer Stücke, sondern ist eine politische Ansage, die zu allen „Empire“-Debatten der letzten Jahre passt: Lasst Rom sich im (Fluss) Tiber auflösen bzw. löst Rom im Tiber auf. Und wie lässt man ein Imperium untergehen? Sicher nicht, wie hier auf der Bühne zunächst, indem man den Tyrannen ermordet, nebst Begleiterin, was wir Zuschauer als skurril aberwitziges Pantomime-Schattenspiel auf der Rückwand der uns abgewandten Vorderbühne zu sehen bekommen. Tyrannenmord macht keinen politischen Frühling. Das Ensemble erweitert die Kampfzone zum allgemeinen Schlachten um die Machtfolge, tobt am Büfett, tobt mit Waffen, spielt nicht nur – wie einst Charlie Chaplin als Diktator – mit einer Gummi-Weltkugel, sondern mit vielen und bezieht das Publikum ins Erd-Ball-Werfen mit ein. Ein ausgelassenes Bild ergibt das, erschreckend mehrdeutig: Ein Bild seltsamer Spielfreude, was das Theater betrifft, und von Leichtsinn, was unsern Umgang mit dem Planeten betrifft. Zudem schwirren seltsame Worte durch den Raum: von der Notwehr der Massen, vom demokratischen Töten, oder von der Abstumpfung durch all das Grauen ist die Rede.

Die Verwirrung aller Ebenen liefert den zehn Akteuren sehr vielschichtige und gegensätzliche Spielmöglichkeiten. Das nutzen sie kräftig aus: leidenschaftlich und mit spielerischer Disziplin. Zuweilen wirken die Kontraste angestrengt: Wenn eine Akteurin mit der überforderten Aufgeregtheit unserer Tage versucht, Vorgänge eines Shakespeare-Plots nachzuerzählen. Stimmt: So klingen Kinder, wenn sie plötzlich überwältigt sind von der Schrecklichkeit der Realitäten außerhalb ihrer behüteten heilen Mittelschichten-Welt.

Schauspielstudenten arbeiten mit „Prinzip Gonzo“

Zehn Studenten der HMT Rostock spielen: Lia J. von Blarer, Lisa-Maria Fedkenheuer, Doga Gürer, Luke Neite, Johanna Reinders, Friedrich Richter, Rinaldo Steller, Florian Welsch, Lola Wittstamm und Sarah Zelt.

Das 3. Studienjahr nimmt jährlich am Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender teil. 2017 ist dieser Wettbewerb in Stuttgart (25.6.-1.7.), wo die Rostocker am 30. Juni um 18 Uhr auftreten.

„Prinzip Gonzo“ ist auch in MV (Schwerin) präsent. Sie nennen sich „kollektives Denkwerk“ und erklären, dass sie „gemeinsam versuchen, dem oft unproduktiven Konkurrenzdruck der Theaterlandschaft eine Plattform für sinnstiftenden Austausch entgegenzusetzen“.

Dietrich Pätzold

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