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Wenn Kunst Entertainment spielt

Neubrandenburg Wenn Kunst Entertainment spielt

Die 26. Kunstschau des Künstlerbundes MV präsentiert ab heute 39 Positionen von 41 Künstlern: Interessante Haltungen, vielseitiges Bild, starke Inszenierung

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In der „Diktatorendisko“: Ideengeber Antony Sylvester (l.) und Projektleiter Peter Funken.

Quelle: Fotos: Dietmar Lilienthal

Neubrandenburg. So schön kann Abrüstung sein: Wo einst die Nazis Torpedos testeten, später die DDR Panzer aus dem ganzen Warschauer Vertrag reparierte und nach 1990 diese Panzer zerlegt wurden, entsteht jetzt in Neubrandenburg ein Szene-Viertel. Wohnen, HighTec-Produktion und Freizeit-Angebote in Industriedenkmalen am Tollensesee, seit gut einem Jahr in einer ehemaligen Panzerhalle sogar eine große Galerie.

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Die 26. Kunstschau des Künstlerbundes MV präsentiert ab heute 39 Positionen von 41 Künstlern: Interessante Haltungen, vielseitiges Bild, starke Inszenierung

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In diesem Sommer erhöht der Künstlerbund MV die Attraktivität dieses Areals enorm: Mit seiner heute Abend beginnenden 26. Landeskunstschau bespielt er neben der „RWN Art“ Galerie auch die erheblich größere Halle gegenüber und präsentiert auf insgesamt über 1500 Quadratmetern Ausstellungsfläche 39 künstlerische Positionen von 41 Künstlern (zwei Künstlerpaare sind dabei), aus dem Bundesland oder mit deutlichem Bezug dazu. Und die mehr als 200 Arbeiten bieten einen überraschend originellen Mix aus Provokation, Irritation, Momenten des stillen Verweilens, des Innehaltens im Dauerlärm unserer Zeit oder der ironischen Brechung kunstgeschichtlicher Gemütlichkeiten, sie sind auf jeden Fall eine Erlebnisreise nach Neubrandenburg wert.

„Art & Entertainment“ heißt das Thema der Landesschau – und wenn Künstler Entertainment spielen, kann es schrill werden. Sylvester Antony hat im kleinen Kabinett der „RWN Art“ Galerie seine „Diktatorendisko“ eingerichtet: eine komplexe Installation mit Gemälden, einem Thron. In Projektionen toben Kriege, auf einem Tisch verfremdete Porträts, Hitler, Stalin oder Gaddafi sind dabei. Aber auch Dieter Bohlen. „Na ja, Unterhaltungsdiktator“, sagt Antony, erklärt das Robert-Geiss-Porträt mit „Luxusdiktator“, bei Jonathan Meese fragt er: „Kunstdiktator? Nee, eher ’Zwischendiktator’“. Und zum Foto mit Merkel und Erdogan: „Demokratie-Diktator, gibt’s auch. Wir schaffen das.“

Ein bisschen interaktiv ist die Installation, man kann mit ferngelenktem Spielzeugpanzer fahren – auch schießen. Wenn der Künstler mit seiner Deutungslust anwesend und damit Teil des Werkes ist, wird Letzteres besonders lebhaft. Eines der Gemälde nennt er „Dummheit durch Denken und Bildung“, auf einem anderen zitiert er ein Eichendorff-Gedicht neben einer „V2“-Rakete der Nazis. „Kriege aus dem Geist der Romantik“, sagt Antony dazu – mit bedeutungsvollem Blick.

Antony sei gewissermaßen auch geistiger Gastgeber der Kunstschau, er habe das Thema „Art & Entertainment“ vorgeschlagen, sagt der Berliner Kunstwissenschaftler Peter Funken, der die Rolle eines „Kunstdiktators“ weit von sich weist: „Ich bin nicht der Kurator, sondern der Projektleiter.“ Nach der Ausschreibung des Themas hatten 80 der rund 300 Mitglieder des Landes-Künstlerbundes sich beworben, fast alle Arbeiten aus den letzten beiden Jahren, daraus habe er als Juror ausgewählt.

Werke mit gesellschaftlicher Brisanz fallen überall auf. Das Thema Kriege steht in der Kunsthalle nochmals ganz zentral. Ramona Seyfarth bringt deren großes Grauen in ein figuratives Kinderspiel – lauter Soldaten (handelsübliches buntes Plastikspielzeug) sind zu einer Bodenfläche verschmolzen, ein Miniatur-Anführer steht auf einem für ihn viel zu großen Stuhl. Auch Maria Räuber bringt Diktatoren, Waffen und Kinderspiel zusammen.

Der Neubrandenburger Fotograf Bernd Lasdin präsentiert sozialgeschichtliche Porträtfotos und eine großformatige Aufnahme „Berlin – Deutschland“ mit dem Heine-Motto „Denk ich an Deutschland in der Nacht ...“. Aber auch das Thema der Fluchtbewegungen ist allgegenwärtig, ein zerbrochenes Boot des Künstlers Rico, das einen riesigen Schatten wirft, deutet darauf hin, oder die Arbeiten von Lucia Schoop. Und Wilfried Schröder macht in seiner Collage „Tausend Stockschläge“ das Schicksal des saudischen Bloggers Raif Badawi und damit ein Zentrum des militanten Islamismus zum Thema.

Sonderbare Irritationen bietet auch das Kaleidoskop von Rolf Günther, in dem an sich skurrile morbide Gegenstände durch ihre geometrische Vervierfachung einen schönen Schein erzeugen und damit die Fragwürdigkeit jedes schönen Scheins enthüllen.

Für vollständige Irritation kleinbürgerlicher Kultur-Touristik sorgen dann Rolf Wicker und Barbara Anna Keiner mit ihrem Museumsshop Schloss Küsserow. Ist das nun echt oder ein Fake? Alles wirkt echt an diesem Schrein der Kunst-Souvenirs mit Büchern, Tassen, Beuteln und dergleichen und scheint doch eine Scheinwelt zu präsentieren, denn in jener Gegend gibt es ein Schloss Lelkendorf, das behauptete lässt sich kaum finden. Ein komplexer Scherz – detailfreudig inszeniert.

Was die Inszenierung betrifft, haben die Ausstellungsmacher insgesamt eine gute Hand gehabt – und konnten auf ein interessantes Angebot zurückgreifen.

26. Landeskunstschau 13. August bis 11. September in Neubrandenburg

Eröffnet wird die 26. Kunstschau des Künstlerbundes MV diesen Freitag um 19.00 Uhr in der RWN-Art Galerie Neubrandenburg, Nemerower Straße 16 / 20.

Die Schau zeigt in über 200 Werken 39 Positionen von 41 Künstlern (darunter zwei Künstlerpaare) aus MV bzw. mit engem Bezug zum Bundesland.

Im Rahmenprogramm gibt es am 21. August, 15 - 17 Uhr, die Führung „Kunst boxt Kunst“ mit Projektleiter Dr. Peter Funken und Nachwuchsboxern des BC Traktor Schwerin. Enthält echte Boxeinlagen.

Am 27. August ab 18 Uhr steigt ein Sommerkunstfest mit der Band Mühlenberg & Co.

11. September „Thunderbird-Kunst-Cruising mit Kunstshooting“ – so nennen die Veranstalter ihre „Finissage“, den offenbar überraschungsreichen Abschluss der Ausstellung.

Dietrich Pätzold

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