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Wenn Rechnungen um die Ecke denken

Wenn Rechnungen um die Ecke denken

Zwischen Party und Paranoia: Der Autor Thomas Melle schreibt in „Die Welt im Rücken“ von seiner manisch-depressiven Erkrankung

Berlin. Als ihm seine Bücher abhandenkommen, hat er sich verloren. Als ihm auffällt, dass ihm die Bücher fehlen, versucht er sich wiederzufinden. So lässt sich der Auftakt zu Thomas Melles autobiografischem Bericht „Die Welt im Rücken“ zusammenfassen, der wie zwei seiner Vorgängerromane für den Deutschen Buchpreis nominiert ist und heute bei Rowohlt erscheint. Melle ist mit seinen Geschichten über ruinöse Existenzen einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren. Jetzt schreibt er über seine bipolare Störung und gibt Einblick in seinen Schaffensprozess.

 

OZ-Bild

Thomas Melle (40), Autor aus Bonn, lebt in Berlin

Quelle: Dagmar Morath
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Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“, Rowohlt, 352 Seiten, 19,95 Euro

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Thomas Melle (40), Autor aus Bonn, lebt in Berlin

Quelle: Dagmar Morath
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Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“, Rowohlt, 352 Seiten, 19,95 Euro

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In einer manischen Phase verkauft Melle seine über Jahre angesammelte Bibliothek. Später wird er schreiben: „Die leeren Wände, der Hall in der Wohnung verhöhnen mich noch heute und illustrieren, radikal gesprochen, das Scheitern eines Lebensentwurfes.“ Es ist ein starkes Bild, mit dem der Text beginnt: Eine Bibliothek verortet den Besitzer in der Welt, steht für Reifephasen des Lebens und wechselnde Leidenschaften. Somit steht die Einbuße stellvertretend für einen allumfassenden Weltverlust.

Die Beschreibung der Phasen aus Höhenflug, Depression und trügerischer Normalität erinnert an Georg Büchners „Lenz“-Novelle. Was Büchner verdichtet, malt Melle in rauschhaften Sequenzen aus. Die hektische Fetzensprache spiegelt das Seelenleben des Getriebenen wider, findet immer wieder zu poetischen Bildern, bis der Gedanke dem Schreiber davonläuft. Der Autor veranschaulicht das Wahngerüst des Manikers, der Welten aufbaut und einreißt.

Der erste manische Schub suchte Melle 1999 heim. Zwei Jahre später erschien sein Debüt „Sickster“, das prompt für den Buchpreis nominiert wurde. Es spielt in der Clubszene einer molochartigen Stadt, die enttäuschte Idealisten wie Burn-out-Manager betäubt. Zwischen Party und Paranoia: Melles Figuren sind Wiedergänger seines manisch-depressiven Ichs. Anton, einer der zwei Protagonisten aus „3000 Euro“, der 2014 auf der Shortlist zum Buchpreis stand und Melle den Preis der Deutschen Akademie der Künste einbrachte, taumelt ähnlich fassungslos durch die Abwärtsspirale vom Bummelstudenten zum Obdachlosen, bis er mit 3000 Euro Schulden vor der Insolvenz steht. In „Die Welt im Rücken“ kommentiert der Schriftsteller: „Meine Bücher handeln von nichts anderem und versuchen doch, es dialektisch zu verquicken. So geht es aber nicht weiter. Die Fiktion muss pausieren (und wirkt doch hinterrücks natürlich fort).“

Melle ist wie Benjamin von Stuckrad-Barre 1975 geboren, wie Benjamin Lebert ging er aufs Internat. Melle potenziert das Gefühl der Popliteraten – alle Songs erzählen vom eigenen Leben – ins Monströse. Nicht nur die Musik, alle Leuchtreklamen, Internetblogeinträge, selbst Reden von Gerhard Schröder werden für den Maniker zu Referenzpunkten auf die eigene Biografie: „Ich begann, die eigenen Lebensdaten aus den historischen Ereignissen abzulesen statt umgekehrt.“ Die Stadt wird zum „Mob aus Straßen und Bildern“, die Welt zur einzigen Metapher („Selbst die Rechnungen dachten und sprachen um die Ecke.“).

Die Übergänge zwischen dem Rausch des selbstüberhöhenden Künstler-Genies und dem Wahn des Kranken sind fließend. Dies ist weit mehr als ein Kranken- oder Betroffenheitsbericht. Melle hat sich seine Geschichte zurückerobert – als Autor und als Mensch gleichermaßen.

Lesungen: 2. September in Berlin, 22. November in Hamburg

Nina May

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