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Wenn alle Ordnung zerbricht

Schwerin Wenn alle Ordnung zerbricht

Nach „Faust 1“ am Freitag und „Hundeherz“ am Samstag brachte der Schweriner „Faust“-Komplex zum Saisonstart am Sonntag mit „Der zerbrochne Krug“ ein Lustspiel über die Verhinderung einer Gretchen-Tragödie.

Schwerin. Es wirkt programmatisch – ein „Faust“-Komplex zum Start in die erste Saison des neuen Schweriner Theaters. Allerdings ist es kein reines Goethe-Projekt, sondern ein thematisches Netz aus zunächst drei Werken: Am Freitag Goethes „Faust 1“ ohne den geringsten Klang nach „Dichterfürst“, am Sonnabend mit Bulgakows „Hundeherz“ eine abgefahrene Variation auf „Faust 2“ als Groteske über Stalinismus und Moderne (siehe unten auf dieser Seite), am Sonntag mit Kleists „Der zerbrochne Krug“ eine verhinderte Gretchen-Tragödie als Lustspiel auf die Gerichtsbarkeit.

Dass die Komödie am Ende gar nicht mehr lustig ist, wenn die junge Eve (Stella Hinrichs), das Objekt der Begierde, auspackt mit ausführlichem, groß und berührend erzähltem Bericht ihrer – versuchten – Nötigung/Vergewaltigung durch Dorfrichter Adam, gehört ebenso zu den Stärken des Abends wie die zuvor mit kräftiger Lust am intelligenten Slapstick inszenierte Geschichte von der misslingenden Vertuschung dieses Übergriffs.

Regisseurin Mareike Mikat lässt das Ganze fast vollständig auf der Vorderbühne vor dem Eisernen Vorhang spielen, dessen Tür bei Auf- und Abgängen mit donnerndem Krach zufällt. Schiefe Ebenen, von der Mitte aus nach links und rechts ansteigend, links noch mit einem Gerüst versehen, in der Mitte eine Art Fallgrube voller Bruchstücke, in die die Akteure immer wieder hineinstürzen – hier ist nicht nur ein vor Gericht verhandelter Krug zerbrochen, sondern das Fundament einer Ordnung. In diesem Bühnenbild von Bernd Schneider, der schon dem neuen Schweriner „Faust“ starke Räume baute, nimmt die Geschichte der Selbstentlarvung eines selbstgefälligen und korrupten Machtmenschen ihren paradoxen Lauf.

Gerichtsrat Walter (Robert Höller) kommt als Vertreter der Obrigkeit, um die aus den Fugen geratene (Rechts-)Ordnung zu kontrollieren und zu reparieren. Da er den linken Arm im Verband trägt, wird ihm das Herumlaufen, Ausrutschen oder Notizen-Machen zu Gelegenheiten permanenten Scheiterns, das Höller mit rasanten Slapsticks zelebriert. Trotzdem markiert der Amtmann „Baustellen“ der Un-Ordnung mit Absperrband, bis die ganze Bühne übersät ist.

Martin Neuhaus gibt jenen berüchtigten Dorfrichter Adam, der die Verhandlung in eigener Sache führen muss, weil er selbst der gesuchte Schuldige ist, schuldig in einem tieferen Sinn als dem der Anklage wegen Zerstörung des Tonkruges. Ohne den Kontrolleur Walter hätte er das leicht gelöst. So aber reitet er sich immer tiefer in den Verdacht, bis kein Ordnungs-Vertreter es sich mehr leisten kann, das von Anfang an Offensichtliche zu leugnen. Neuhaus zelebriert die Selbstgefälligkeit, eine Pose der Sicherheit, in der Adam sich keine Mühe geben muss, gute Ausreden zu erfinden, und das sogar lustig findet. Wenn er mit den Füßen aufstampft, dann fallen alle im Gerichtssaal um, was selbst dem leichtfüßigeren Gerichtsrat Walter neugieriges Interesse abnötigt (die Faszinationskraft der Diktatur, in der „Machtworte“ wirken).

Glänzend Axel Sichrovsky als Schreiber Licht; Anja Werner, Sebastian Reusse und Janis Kuhnt liefern komödiantische Energie. Eine runde Sache das Ganze. Und es „faustet“ noch weiter: Das Parchimer Ensemble bringt im Oktober „Faust – ein Solo“ in Schwerin heraus, im Mai folgt dort die Faust-Oper „Margarethe“ von Gounod. Bereits im Sommer gab es „Faust“ ja schon als Festspiel in Wismar, diesen Sonnabend hat in Greifswald die Fragment-Fassung von Goethes „Faust“ Premiere.

Dietrich Pätzold

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