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00:00 04.04.2014
Kult kann länger dauern als Mode. Und er ist das Gegenteil von Mainstream.“Marcel Loko, Werbefachman

Justin Bieber war 16, als ihn der Boulevard „Kult-Bubi“ nannte. Da hatte er gerade seine erste Platte veröffentlicht. Er stand am Anfang, es sollte erst richtig losgehen mit dieser so bizarr explodierten Karriere als Popfigur. Aber immerhin: Er war schon mal Kult.

Kult ist heute schnell etwas. Man wirft mit dem Begriff um sich, als wären die Reserven unerschöpflich. Filme sind Kult, Fußballer, Autos, Kneipen, Sänger, Festivals, Regisseure, Krimis, Erdbeeren mit Senf, Masseure, Partys, Serien — es hört nicht auf.

Und wenn man nicht aufpasst, sind bald auch Gallensteine und Atomunfälle Kult, Drogentherapien und Blutspendedienste. Es ist eine Flut, die Dämme sind gebrochen. Es gibt kein Halten mehr.

Da treibt eine große Gedankenlosigkeit ihr Unwesen, die nur eine Inflation ist und eine Gleichmacherei. Wenn alles Kult ist, ist nichts Kult. Dann hat es sich erledigt. Wo man die Dinge zu etwas Besonderem machen will, raubt man ihnen den Wert und macht sie beliebig. Kult braucht eine gewisse Dauer. Es reicht ja nicht, etwas kurz aufscheinen zu sehen und es mit dem Begriff „Kult“ zu behängen, weil man der Erste sein will. „Das lässt sich nicht planen“, sagte der Schauspieler Bjarne Mädel, der als „Tatortreiniger“ im Fernsehen „Kult-Tatortreiniger“ ist. Und der „Tatort“ am Sonntag ist auch Kult, wie das Grimme-Institut erklärte.

Aber nicht jeder, der im Dschungel in Maden badet und andere Dinge tut, ist ein Star. Trotzdem sind diese Leute als Stars unterwegs. Dennoch ist die Dschungelshow vermutlich ebenfalls Kult. Da ist etwas aus den Fugen geraten, die Maßstäbe sind verrutscht. Man nimmt diese Begrifflichkeiten hin. Man turnt mit an der Oberfläche herum, und dann hat man es wieder vergessen, weil etwas Neues mit Kult im Titel daherkommt. Da ist keine Zeit mehr, Dinge angemessen zu betrachten und auf sich wirken zu lassen, damit so etwas wie eine tiefere Bindung entstehen kann, eine Verehrung, ein Kult eben.

Kult könne länger dauern als eine Mode, hat der Werbefachmann Marcel Loko gesagt. Und er habe seinen Preis: „Nur weil Gaultier draufsteht, sind die Leute bereit, das 200-Fache zu zahlen. Diese Differenz drückt den Wert von Kult ökonomisch aus.“ Kult sei das Besondere, das „Gegenteil von Mainstream“. Microsoft oder ein VW Golf könnten nicht Kult sein, sie seien Standard. Apple aber sei Kult. Und Coca Cola auch, wie jüngst zu lesen war. Dabei gibt es kaum etwas, das so sehr Standard ist wie Coca Cola. Es geht also ziemlich durcheinander.

Marcel Loko hat erzählt, dass Kult Spaß mache und man sich den Status „durch Glaubwürdigkeit erarbeiten“ müsse, und irgendwann ist man so klug wie zuvor. Zumal Kult ja aus der Religion kommt oder einen spirituellen Hintergrund hat. Spätestens wenn im Internet die „10 kultigsten Promigräber“ aufgelistet werden — von Elvis Presley über Che Guevara bis Moshammer — wird es vollends absurd.

In Zeiten, in denen Aufmerksamkeit einen ökonomischen Wert hat, lässt sich mit dem Label Kult natürlich auch Geld verdienen. Wenn die Spannen dieser Aufmerksamkeit immer kürzer werden, wird alles sofort zum Kult erklärt. Das aber sei ein schmaler Grat. Denn wo alles zum Kult werde, machten immer auch einige kehrt. Sie würden die Absicht erkennen und seien verstimmt. Ihnen fehle das Authentische. Solche Gegenbewegungen ließen sich überall beobachten, von der Mode bis zum FC St. Pauli.

Das ist die Falle der Kult-Inflation. Alle suchen das Besondere, aber wenn sie es gefunden haben, sind sie nicht mehr interessiert.

„Alle sehen gleich aus, irgendwie individuell“, heißt es in einem Lied von Rainald Grebe über das alternative Manufactum-Biedermeier in Berlin-Kreuzberg, wo „Architekten, Webdesigner, Green Banker“

lange im Badezimmer stehen, um auszusehen „wie Künstler“.



Peter Intelmann

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