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„Wenn ich nicht mehr singen kann, höre ich auf zu leben“

Rostock „Wenn ich nicht mehr singen kann, höre ich auf zu leben“

Wie der holländische Sänger und Dichter Herman van Veen die Mauer durchlöcherte und warum Gott ein Enkel ist – zu lesen in seiner Autobiografie „Erinnerte Tage“.

Rostock. Vergesst David Hasselhoff und seinen angeblichen Grenz-Öffnungs-Song „Looking for Freedom“ 1989 in Berlin. Hat schon mal jemand erwähnt, dass ein Holländer die Mauer löchrig gemacht hat wie einen Gouda? Naja, zumindest symbolisch. Herman van Veen spielte 1989 in Ostberlin, und das Bühnenbild bestand aus einem großes Loch in einer Wand, durch das der Sänger auftrat und abging. Und er versprach den Zuschauern, in einem Jahr würden sie sich in Paris wiedersehen. Zwei Wochen nach dem Konzert fiel die Berliner Mauer.

„Was hatte ich für ein Glück“, kommentiert Herman van Veen den Coup in seinem Buch „Erinnerte Tage“ lakonisch. Es ist der zweite Teil seiner Autobiografie, mit der er derzeit auf Lesereise ist. Der populärste niederländische Musiker hierzulande, im letzten Kriegsjahr 1945 in Utrecht geboren, blickt in einem Mix aus Erinnerungen, fiktiven und realen Briefen an Familie und Weggefährten, E-Mails und Liedzeilen zurück auf seine Kindheit („in den glücklichen fünfziger Jahren“), auf die Zeit als Heranwachsender, auf inspirierende Begegnungen, unter anderem mit Willy Brandt, und sein Engagement für Kinderrechte.

Und auf den Beginn seiner Karriere: Beim Krippenspiel in der Grundschule schmetterte er als Weihnachtsengel im weißen Kleid mit Wattelöckchen „Glohohohoria in excelsis deo“. „Beim Singen vergaß ich total, wie kindisch ich aussah. So glücklich war ich“. Als 14-Jähriger hat er als weißer Wolf in einer Kinderoperette bereits die Kritiker begeistert – und die Bühne als künftigen Arbeitsplatz für sich entdeckt.

Pointiert, wortverspielt, zuweilen auch sachlich-dokumentarisch erzählt van Veen über seine Zeit als Student, die Anfänge als Kabarettist und den Weg auf die großen Bühnen der Welt, über seine Liebe zur Musik, die ihn über die Jahrzehnte getragen hat, und die Themen, über die er singend philosophiert: „Von kleinen Dingen, die in einem Hauseingang passieren, in einer Straße, Wohlhabenden und armen Schluckern, den Mädchen aus verflogenen Tagen, dem Morgen in der Stadt und von Gott, der schöne Dinge macht, während es ihn nicht gibt.“

Es sind Zeilen wie diese, nach denen man kurz innehält, noch einmal nachliest. Gott kommt im Buch – wie in seinen Liedern – häufiger vor. Besser gesagt: seine Suche nach ihm/ihr. Eine van Veensche Antwort: „Gott ist ein Enkel. Sehr zu empfehlen.“

Ausführlich erzählt er über seine Auftritte in Ostberlin, wo er ab Ende der 1970er Jahre spielte. Einen Trabi brachte er von dort mit als „Tourneeauto“, und als Gage sang er sich zwei Geigen zusammen. Sie sind, so erfahren wir, neben der Familie der Grund, warum man sich Herman van Veen als glücklichen Mann vorstellen muss. „Wenn ich mir vorstelle, nicht mehr Geige spielen oder singen zu können, ich glaube, dass ich dann aufhöre zu leben. Welchen Shit ich auch erlebe, sobald ich auf die Bühne stakse und singen und spielen kann, ist alles wieder in Ordnung.“

In Rostock singt und spielt er aber nicht, sondern liest in der Thalia Buchhandlung aus seinen Erinnerungen. Die Karten sind schon lange ausverkauft – aber es gibt ja das Buch.

Interview von Petra Haase

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