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Kultur Wie der Antisemitismus in Europa aufflammte
Nachrichten Kultur Wie der Antisemitismus in Europa aufflammte
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00:05 20.04.2017

Der millionenfache Mord an den Juden während der Nazi-Diktatur ist bis heute ein kaum vorstellbares Verbrechen. Der Weg in den Holocaust ist nicht einfach monokausal zu erklären. Der Historiker und Journalist Götz Aly zeichnet in seinem Buch „Europa gegen die Juden 1880 bis 1945“ antisemitische Ressentiments, Ausgrenzungspolitik und Gräueltaten seit den 1880er Jahren nach, die zum Nährboden für den Zivilisationsbruch wurden. Er liefert eine historisch detaillierte Analyse, klar und prägnant formuliert.

Eindrucksvoll schildert Aly den aufflammenden modernen Antisemitismus, ohne dabei die Schuld der Deutschen am Massenmord zu schmälern. Die Nationalsozialisten erfanden nicht den Antisemitismus, die Ausgrenzung, ethnische und religiöse Selektion oder Vernichtung. Sie radikalisierten antijüdische Politik und industrialisierten im Holocaust das Morden.

„Das Deportieren und Morden geschah auf Initiative der Deutschen. Deutsche steuerten die bürokratischen Routinen des Erfassens, Ghettoisierens und Enteignens. Sie entwickelten die technischen Mittel des Mordens“, schreibt Aly über die Tatherrschaft der Deutschen. Doch ohne passive Unterstützung, arbeitsteilig helfende Beamte und Polizisten sowie Tausende einheimische Mordgesellen in manchen Ländern hätte sich das „monströse Projekt nicht mit der atemberaubenden Geschwindigkeit verwirklichen lassen“. Aly setzt seine mit Erinnerungen eindrucksvoll untermauerte Darstellung aus mehreren Gründen 1880 an. Von diesem Zeitpunkt an wurden in vielen Ländern Gesetze gegen die jüdische Minderheit erlassen. Nach Pogromen begann eine Wanderungsbewegung von Ost nach West. Als Antwort auf den anschwellenden Nationalismus wurde mit dem Zionismus zu dieser Zeit auch eine jüdische Nationalbewegung ins Leben gerufen. Zudem entstand 1880 der Begriff des Antisemitismus, der nicht länger auf religiösen Vorurteilen fußt, sondern auf nationalen, sozialen und wirtschaftlichen Argumenten.

Die Juden waren die Minderheit par excellence. „Sie verfügte über keine Schutzmacht, über keine Armee. Für sie gab es kein Territorium, das Zufluchtsort oder Vertreibungsziel hätte sein können. 1920 betraf das unmittelbar sieben Millionen Juden.“ Sie lebten überwiegend in Polen, der Sowjetunion, Rumänien oder Ungarn. Das Ventil für den industriellen Massenmord war schließlich der Zweite Weltkrieg.

Götz Aly: „Europa

gegen die Juden 1880 bis 1945“,

Fischer Verlag

Frankfurt,

431 Seiten,

26,80 Euro,

ISBN-Nr.: 978-3-10-000428-4

Oliver Pietschmann

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