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Kultur Wie der Maler Schmidt-Rottluff vom Kolonialismus profitierte
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00:01 27.01.2018
Eine Besucherin in der Ausstellung „Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd“ im Bucerius Kunst Forum Hamburg. Quelle: Foto: Axel Heimken
Hamburg

Als genuin deutscher Beitrag zur Kunstgeschichte des 20. Jahrhundert wird gemeinhin der Expressionismus der Künstlergruppen Blauer Reiter und Brücke genannt.

Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg zeigt Arbeiten des Expressionisten

Vortrag zur Ausstellung

Gezeigt werden 77 Arbeiten – 39 Gemälde, 15 Aquarell- und Tuscharbeiten, sieben Druckgrafiken, vier Holzplastiken, zwölf außereuropäische Kunstobjekte.

Die Schau „Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd”, bis zum 21. Mai im Bucerius Kunst Forum Hamburg (Rathausmarkt 2.).

Vortrag „Karl Schmidt-

Rottluff – Die Magie der Dinge“, am Dienstag, 30. Januar, 20 Uhr

Doch so deutsch war die Malerei und Grafik der farbmächtig und formbewusst auftretenden Avantgardisten aus München und Dresden nicht. Der Niederländer Vincent van Gogh und der Norweger Edvard Munch waren erste Vorbilder der Brücke-Maler Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyel, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff sowie die Blaue-Reiter-Männer August Macke und Franz Marc. Ihre Suche nach ungehemmter Ursprünglichkeit und einem künstlerischen Schaffen jenseits der akademischen Malerei trieb sie zudem in die Völkerkundemuseen und Südseesammlungen, wo mit Masken, Schilden, Holzplastiken und anderen Kult- und Gebrauchsgegenständen aus den Kolonialländern eine faszinierende Gegenwelt bereitstand.

Am Beispiel von Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) führt das Bucerius Kunst Forum in Hamburg jetzt vor, wie afrikanische und ozeanische Artefakte das Werk dieses Expressionisten 50 Jahre lang beeinflusst haben. Der aus Chemnitz stammende Künstler sammelte seit den 1910er Jahren ethnografische Objekte, die mit dem Kolonialhandel nach Deutschland gelangt waren. Die Ausstellung mit dem Titel „Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd“ will veranschaulichen, auf welche Art und Weise die exotischen Gegenstände zum Motiv seiner Malerei und zur Inspirationsquelle wurden.

„Die Objekte haben Schmidt-Rottluff ein Leben lang begleitet“, sagt Kuratorin Kathrin Baumstark, „sie waren für ihn besetzt mit etwas Magisch-Transzendentem.“ Die Faszination für die Exotik fand einerseits einen simplen Ausdruck: Schmidt-Rottluff platzierte die Objekte neben Pflanzen und Gefäße von heimischer Herkunft in seinen Stillleben. So wird das „Stillleben mit Clematisblüte“ von einer Maske beherrscht, die von der Elfenbeinküste stammt. Dank der Zusammenarbeit mit dem Brücker-Museum Berlin und der Schmidt-Rottluff-Stiftung kann das Bucerius Kunst Forum nicht nur das farbgesättigte Ölbild von 1951 zeigen, sondern auch diese Maske und weitere Vorlagen aus der Sammlung des Künstlers.

Wesentlich spannender als diese motivische Seite ist die stilistische: Schmidt-Rottluffs Gemälde, Zeichnungen und Holzschnitte mit Porträts und weiblichen Akten sind geprägt von der formalen Reduktion und Verdichtung des Ausdrucks, wie er sie bei afrikanischen Skulpturen entdeckte. So trägt ein „Mädchen aus Kwon“ (1918) ein maskenhaft stilisiertes Gesicht, eine „Kniende“ (1913) zeichne sich durch enorme Brüste und Hinterbacken aus, wie Schmidt-Rottluff sie von Frauendarstellungen aus Kamerun kannte. Und selbst die Landschaftsbilder und Interieurs der 1920er und 1930er Jahre senden die Unmittelbarkeit und Magie aus, die der Künstler in den Objekten aus Ost-, West- und Zentralafrika zu sehen meinte. Formen und Flächen sind stark vereinfacht wie kultische Symbole. Kuratorin Baumstark weiß aber auch, dass sich die Expressionisten der ersten Stunde nicht dafür interessierten, welche religiöse und gesellschaftliche Bedeutung die Artefakte für die Bevölkerung Afrikas oder Papua-Neuguineas hatten. „Sie waren einfach fasziniert von der magischen Ausstrahlung und der Energie, die den Masken und Skulpturen innewohnt.“ Immerhin sprechen Schmidt-Rottluff und seine Kollegen den Objekten eine hohe ästhetische Qualität zu, das unterscheidet sie von den Zeitgenossen, die darin nur primitive Stammeskunst von Naturvölkern sahen. Als Kuriositäten wurden sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts selbst in den Völkerkundemuseen gehandelt.

Die Kunst-Importe aus Naturmaterialien waren nicht nur für den Expressionismus von Bedeutung: „Ohne die Kenntnis der afrikanischen Kunst wäre der Kubismus eines Picasso nicht entstanden“, sagt Co-Kuratorin Magdalena M. Moeller, ehemalige Direktorin des Brücke-Museums Berlin. Auch sie muss konstatieren: Die Maler und Bildhauer, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Kunstgeschichte schreiben, waren zu einem nicht geringen Teil Profiteure des Kolonialismus und des damit einhergehenden Kunstraubes an den Völkern Afrikas und Asiens. Dieser Aspekt ist in der Ausstellung leider etwas unterbelichtet.

Michael Berger

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