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22:59 18.04.2013
Deutschland, ein Land voller Missverständnisse: Die Dokumentation "Werden Sie Deutscher" macht das mehr als deutlich. Quelle: imFilm

Die Regisseurin Britt Beyer begleitet die Teilnehmer eines regulären Integrationskurses in Berlin-Mitte zehn Monate lang mit der Kamera. Das ist kurz und knapp der Inhalt der stillen, zurückhaltenden, manchmal amüsanten und am Ende doch aufwühlenden Dokumentation "Werden Sie Deutscher". Erwachsenen aus 15 verschiedenen Ländern soll vermittelt werden, wie sie sich in Deutschland verhalten sollen, damit sie in einer so scheinbar gesegneten Republik auch bleiben dürfen. Und doch lernen sie in rund 600 Unterrichtsstunden neben der Sprache nur "typisch deutsche" Verhaltensmuster wie Pünktlichkeit, Ordnung und was in einem Mehrfamilienhaus erlaubt ist. Damit sie bleiben können, presst Deutschland Menschen aus anderen Kulturkreisen in deutsche Verhaltensmuster. Man lerne: Integration mithilfe eingeschliffener Stereotypen kann nicht gelingen.

Eine der Aufgaben, die der Argentinier Jorge, der schüchterne Shipon aus Bangladesch oder die 44-jährige Palästinenserin Insaf zu lösen haben, hat anfangs etwas Putziges. Sie sollen aufschreiben, was ein "befreundeter" Ausländer beachten sollte, wenn er erstmals Deutschland besucht. "Wir müssen pünktlich sein" oder "Du musst die Gesetze richtig einhalten" liegen als passende Antworten quasi auf der Hand. Oder wurden längst eingetrichtert, beispielsweise von den Medien, in denen ein Thilo Sarrazin seine kontroversen Thesen zur Bevölkerungspolitik in aller Öffentlichkeit breittreten darf.

Wenn aber der lebenslustige Jorge erklärt, "Prostitution ist nicht verboten, es ist gut organisiert" und "Man kann auf der Straße Alkohol trinken", dann erkennt der Zuschauer schnell, wohin Britt Beyers ("Der junge Bürgermeister") gelungene Dokumentation über das vermeintlich hehre Ziel Integration führt. Ausländer, die in Deutschland leben wollen, die die deutsche Sprache lernen wollen, die dafür über Monate die Schulbank drücken - immer schön pünktlich, versteht sich - können in den Widersprüchen der von ihnen geforderten Ordnung und typisch deutschen Verhaltensmustern zwischen Eisbein und Bier nur scheitern.

Oder sie verstehen nur Bahnhof! Beyers Kamera begleitet Jorge zu einem Informationsgespräch, hochoffiziell im Amt. Der Argentinier, wegen der Liebe seit sieben Monaten in Berlin, träumt von einer eigenen kleinen Bar. "Was muss ich dafür machen?", fragt er in gebrochenem Deutsch. Als Erklärung erhält er gestochene Kurzinformationen in zackigem Amtsdeutsch über "Konzessionen", "Hygieneregeln" oder "Landesamt für Gesundheit und technische Sicherheit".

Wie Jorge keine weiteren Erläuterungen zum Amtsdeutsch erhält, bemüht sich auch Beyer nicht, eventuell Unverständliches etwa mit einer Beschreibung aus der Off zu erklären. Und das ist gut so. Das Bemühen der Integrationsklasse, deutsche Stereotype wie das richtige Verhalten in einem Mietshaus zu erlernen ("Man muss ruhig sein ab 20 Uhr") oder zu verstehen, was denn nun eine "beleidigte Leberwurst" sei, führt so beinahe zu tragikomischen Situationen.

Auch wenn Komik von hochoffizieller deutscher Seite bestimmt niemals gewollt ist. Immerhin soll der Orientierungskurs, der sich an den Sprachkurs anschließt, doch eine Identifizierung mit Deutschland herstellen. Der schüchterne Shipon aus Bangladesch identifiziert sich längst vorbildlich. Er ist verheiratet mit einer deutschen Frau, er liest der kleinen Tochter eine deutsche Geschichte vor, vor einem Bundestagsabgeordneten erklärt er, er wolle so gerne wählen. Nur selbst eine Wahl hat er nicht. Die Ausländerbehörde, die über die Macht der Abschiebung entscheidet, lässt ihm im wahrsten Sinne des Wortes in der Kälte stehen. Und das, obwohl Shipon den Integrationskurs als Klassenbester abgeschlossen hat.

Homepage "Werden Sie Deutscher"

Homepage imFilm

Infoseite zum Film

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