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„Wir bleiben unartig“

„Wir bleiben unartig“

Ralph Reichel, Schauspieldirektor am Volkstheater Rostock, sieht die Reihe „Die unartigen Kinder“ programmatisch für die Zukunft des Hauses

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Isabel Will in der Rolle der „Antigone“ im Ateliertheater des Rostocker Volkstheaters.

Quelle: Fotos: Thomas Häntzschel (2)/dorit Gätjen

Sie haben sich die Reihe „Die unartigen Kinder“ ausgedacht. Warum haben Sie „Antigone“, „Die Bakchen“, „Emilia Galotti“ und „Shockheaded Peter“ ausgewählt?

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Ralph Reichel, Schauspieldirektor am Volkstheater Rostock, sieht die Reihe „Die unartigen Kinder“ programmatisch für die Zukunft des Hauses

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Ralph Reichel: Ausgedacht klingt nach einsam grübelnd ausbrüten. Das Gegenteil ist der Fall: Im Gespräch mit den Regisseuren ist aus gemeinsamen Interessen die Reihe entstanden. Eine Spontangeburt war nur der Titel, der bei einem Termin mit zwei Regisseuren und Professor Markus Wünsch von der Schauspielabteilung der HMT entstand. Wir sprachen über Stoffe und Figuren für junge Menschen. Dabei war uns wichtig, dass über diese Protagonisten ein frischer Blick ermöglicht, scheinbare Sicherheit infrage gestellt, ein neuer Weg eröffnet wird. Diese produktive Unartigkeit interessiert uns. Wenn im Weihnachtsmärchen das Kind rief: „Der Kaiser ist nackt“, war dies der thematische Auftakt. Das Musical „Shockheaded Peter“ sehr frei nach Struwwelpeter ist ein skurriles Satyrspiel, das lustvoll mit den Klischees drastisch strafender Erziehung jongliert. Es geht darum, die Gefahr des Zeigefingers mit Humor und guter Musik zu unterlaufen. Wir sind ja ein Theater und keine Besserungsanstalt.

„Emilia Galotti“ passt eher nicht in die Reihe. Warum die Emilia und nicht „Minna von Barnhelm“?

Nicht in die Reihe passt „Ein Käfig voller Narren“, da geht es um unartige Eltern. Welche uns auch viel Freude machen. Bei Emilia kommt die Tochter in Konflikt mit dem elterlichen Wertesystem, dem moralischen Gerüst, an welchem sie sich durchs bürgerliche Leben hangeln soll. Sie sagt: „Verführung ist die wahre Gewalt“ und beschreibt, dass sie sich in etwas verliebt oder verloren hat, was nicht sein soll und darf. Sie hat die Regeln der Eltern im Kopf und erlebt den Streit als einen inneren. Trotzdem hat sie die Augen geöffnet, akzeptiert tradierte Standesschranken nicht, geht in ihrem Glücksanspruch über das Denken der Eltern hinaus.

Zurzeit bröckeln Werte, zerbröseln gesellschaftliche Strukturen, werden alternative Fakten angeboten. Ist jugendliche Revolte nötiger denn je?

Werte im gesellschaftlichen Sinn funktionieren nicht als statisches Gut. Unser demokratisches System kann ich nicht einmal einführen und hab’ es mit dem Grundgesetz sicher im Safe. Dies erleben wir gerade überdeutlich. Werte sind in Bewegung. Selbst Grundwerte müssen immer wieder angeeignet und gelebt werden. Wenn die Jugend nicht beständig neu aufbegehrt und einfordert, dass es gemeinschaftliche Werte geben muss, die wichtiger als individuelle Ansprüche und Privilegien sein sollen, verliert jedes gemeinschaftliche System den positiven Entwicklungsimpuls, erstarrt und stirbt. Deshalb: unartige Kinder!

Samstag geht es mit „Antigone/Die Bakchen“ weiter. Was erwartet uns?

Wir starten klassisch. 80 Minuten Antigone. Dann geht’s in die Kantine. Dort kann man was trinken und es beginnt eine Einführung in „Die Bakchen“. Aus dieser Einführung geht man wieder ins Ateliertheater. Und dann passieren Dinge, die ich auch noch nicht gesehen habe. Da es sich um eine Kooperation mit der HMT handelt, lassen wir bewusst mit Kai Festersen („Antigone“) einen erfahrenen Regisseur und mit Sören Hornung („Bakchen) einen jungen Wilden ran. Dem muss man auch den Raum geben, sich auszuprobieren.

Wie lange wird’s gehen?

Ich hoffe, dass die Besucher vor Mitternacht rauskommen. Bakchen ist ja thematisch Ordnung und Chaos.

Und dann in die Bacio Lounge . . .

Ich denke schon, dass Darsteller und Besucher anschließend noch was trinken und debattieren.

„Die unartigen Kinder“ geht am 28. 4. weiter mit „Emilia Galotti“. Was wird das – ein Aufklärungsstück?

Der Regisseur Kai Wuschek ist jemand, der einen Stoff so umsetzen kann, dass das jugendliche Publikum interessiert ist, die Lehrer aber nicht frustriert werden. Den Spagat beherrscht er. Das wird ein kluger Abend.

Wird es weitere konzeptionelle Formate geben?

Ich finde es gut, wenn es spartenübergreifend funktioniert. Es muss nicht immer sein, dass es vier Produktionen vom Schauspiel sind. Es kann auch mal spartenübergreifend das Thema Reformation sein. Oder im Volkstheatersommer in der Halle 207 beschäftigen wir uns vielleicht mit Mythen und Träumen. Wenn ich als Zuschauer in einen Abend reingehe, erlebe ich diesen einen Abend. Wenn ich noch ein Thema dazubekomme, lenkt dies Assoziationen und eröffnet Denkräume, eröffnet Möglichkeiten von Kontextualisierung. Die Schauspielerin Sophie Rois hat mal gesagt: Es gibt eine Todsünde am Theater – zu langweilen.

Also weiter unartige Angebote?

Unbedingt. Wir wollen die kleinere Spielstätte, das Ateliertheater, als Ort für jüngere Themen, jüngere Regisseure etablieren. Es gibt das Phänomen, dass Universitätsstädte Probleme haben, Studenten ins Haus zu holen. Also: Wie schaffen wir es, die Jugendlichkeit dieser Stadt in einen Diskurs mit dem Theater zu bringen?

Setzen Sie auf die Karte Schauspiel – auch als Botschaft an die Politik?

Nein, ich habe ja auch Musiktheater inszeniert und werde das hoffentlich auch wieder tun. Aber ich glaube, dass dieses abgrenzende Spartendenken überholt ist. Zum Beispiel in Holland ist das bereits in der Ausbildung viel offener. Es wird auch bei uns normal werden, dass man übergreifend arbeitet.

Ist das eine Umgehung der Auflösung der Sparten?

Nein, wir haben ein Konzept, das heißt Kooperation und Integration. Das geht von den Gegebenheiten aus. Es gibt einen Beschluss der Bürgerschaft, dass das Ballett abgeschafft wird. Das kann ich traurig finden, aber einen Bürgerschaftsbeschluss kann ich hier im Haus nicht aufheben. Innerhalb der Sparten darf die Geschäftsführung umschichten und rechnen. Da haben wir ein Konzept, das mit den vorgegebenen Zahlen effektiv umgeht. Wie kriege ich einen Organismus so weit stabilisiert, dass er nicht immer weiter abbauen muss? Dadurch, dass Zuschüsse nicht erhöht werden, aber Kosten steigen, gibt es einen schrittweisen Abbau, wenn man ihn nicht durch erhöhte Einnahmen auffangen kann. Mehr Zuschauer ins Haus zu kriegen, ist also auch der banale Versuch, Arbeitsplätze zu erhalten.

Interview: Michael Meyer

OZ

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