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Kultur „Wir erlebten blinden Hass“
Nachrichten Kultur „Wir erlebten blinden Hass“
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00:01 21.09.2016
Die Band Silly kommt im Rahmen der „Wutfänger“-Tour am 29. Oktober nach Rostock. Quelle: Ben Wolf

Neubrandenburg/Rostock Im Oktober und November geht Silly mit dem neuen Album „Wutfänger“ auf Deutschland-Tour und spielt am 22. Oktober in Neubrandenburg, am 29. Oktober in Rostock. Die OZ sprach vorab mit Anna Loos, Ritchie Barton, Uwe Hassbecker und Hans-Jürgen „Jäcki“ Reznicek über das Album, die Ostsee und den ostdeutschen Fußball.

Sind die norddeutschen Fans so unterkühlt, wie häufig behauptet wird?

Uwe Hassbecker: Wirklich nicht! Rostock ist ja eine Art Hochburg für uns. Wir sind sehr gespannt, ob es dieses Jahr wieder so geil wird, und sind guter Hoffnungen.

Ihr habt ja einen besonderen Bezug zur Ostsee und lebt teilweise auf Rügen.

Hassbecker: Ja, ich fühle mich mit den Leuten total wohl, mit der Landschaft, mit der Umgebung, mit der Luft. All das hat uns dazu gebracht, dorthin zu gehen. Außerdem gibt’s da noch so’n Fußballverein (lacht). Ich glaube, Anna zieht gerade um. Die macht Inselhopping. Aber ich bleibe da.

Anna, wo geht’s denn hin?

Anna Loos: Sage ich nicht, immer dahin wo Ruhe ist.

Eure neue Platte ist ein echtes Handmade-Album geworden.

Ritchie Barton: Ja, im Gegensatz zu den letzten zwei Alben habe ich viele meiner alten Keyboards wieder rausgeholt. Auch die alte Hammond-Orgel mit Leslie-Box. Alles im Original, nicht in digitalen Nachempfindungen. Das macht ein anderes Gefühl, einen anderen Sound.

Das Album erinnert an die Platte „Hurensöhne“ von 1993. Auch bei „Wutfänger“ habt ihr auf Texter Werner Karma verzichtet. Warum?

Loos: Das hat sich im Laufe der drei Alben so ergeben. Natürlich kann man Texter beauftragen, man kann aber auch versuchen, es selbst zu machen. Für mich macht das eine Band authentischer.

Bei „Kopf an Kopf“ habe ich mit Axel Bosse und Alexander Robert Freund Texte geschrieben. Bei „Wutfänger“ hat sich das intensiviert. Eine logische Entwicklung.

In dem Lied „Wutfänger“ geht es um Menschen, die zerfressen sind von Wut, Hass , Ängsten. Da drängt sich der Vergleich mit Pegida-Anhängern und AfD-Wählern auf. Kann man eure Lieder so konkret auf die Gesellschaft übertragen?

Hassbecker: Im Prinzip ist die Platte ein Spiegel der heutigen Zeit. Aber das Problem, warum die Leute der AfD hinterherrennen, lässt sich nicht mit drei Worten erklären. Ich denke, dass sie sich nicht wahrgenommen fühlen von der Politik und deshalb einen Ausweg suchen.

Bei dem Lied „Wutfänger“ stellt ihr euch auch nicht auf eine Seite, sondern überlasst das dem Hörer.

Hassbecker: Unsere Aufgabe ist es, Fragen zu stellen, die jemand anders nicht stellt, anzuregen, über bestimmte Dinge nachzudenken. Aber wir sind keine Ersatzpolitiker und wir haben keine Pillen für die Dinge, die falsch laufen.

Das Gegenbeispiel ist Jennifer Rostock, die in einem Song das Wahlprogramm der AfD auseinandernimmt und an die Hörer appelliert, „diesen Mist“ nicht zu wählen. Könnt ihr euch das für die Bundestagswahlen auch vorstellen?

Loos: Wir sind natürlich auch eine Band, die klar sagt, die AfD ist für uns keine Alternative für Deutschland. Aber wir sehen auch, dass nicht jeder AfD-Wähler ein Rechtsradikaler ist. Was Jennifer Rostock gemacht hat, finden wir super. Aber das macht jeder auf seine Art und Weise. Uns ist ein erhobener Zeigefinger nicht so lieb, weil er nicht zu uns passt.

Hassbecker: Trotzdem war die Aktion cool. Es ist schön, dass es im Land eine Handvoll Künstler gibt, die den Mund aufmachen. Dazu gehören auch Jennifer Rostock, aber viel länger schon Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg, BAP oder die Ärzte. Jeder zu seiner Zeit.

Ihr habt im Mai bei der Aufstiegsparty von RB Leipzig für einen Eklat gesorgt, weil ihr in Trikots ostdeutscher Traditionsvereine auf die Bühne kamt. Eine klare Positionierung gegen den Ausverkauf der Traditionen des DDR-Sports?

Hassbecker: Wir sind da ein bisschen reingeschlittert und am Ende war es ungewollt eine Riesenpromo-Aktion für uns. Wir haben nichts gegen den RB Leipzig. Der MDR hatte uns zu einer Feier für den ostdeutschen Fußball eingeladen. Zwei Tage vorher beschwerten sich Fans in den sozialen Netzwerken. Wieso spielt ihr für den Kommerz? Wir verbrennen eure Platten. Da haben wir erst mitgekriegt, worum es überhaupt geht. Dann haben wir gesagt, wenn das so ist, dann kommen wir genau dafür dorthin, wofür wir eingeladen wurden, und zwar in Trikots. Was wir ein bisschen unterschätzt haben, war die massive Gegenreaktion der Fußballfans. Uns ist blinder Hass entgegengeschlagen.

Spielt ihr auf der Tour ausschließlich Songs von „Wutfänger“?

Uwe Hassbecker: Wir werden einen großen Teil des Albums spielen, aufgefüllt durch die eine oder andere Perle aus unserer Schatzkiste, die wir immer dabeihaben. Wir wollen die Leute überraschen, mit schönen Lichteffekten und allem, was man so dabei hat. Es wird eine schöne Rock’n’Roll-Show. Dann werden wir im nächsten Jahr noch ein paar Open Airs nachbringen, also Augen und Ohren offen halten.

Zur Bandgeschichte

Silly, die ursprünglich Familie Silly hieß, wurde 1978 in Ost-Berlin gegründet und mit der Sängerin Tamara Danz populär. Heute besteht die Band aus dem langjährigen Musikerstamm Rüdiger „Ritchie“ Barton (Keyboard, Gesang), Uwe Hassbecker (Gitarre, Geige), Hans-Jürgen „Jäcki“ Reznicek (E-Bass) sowie der Sängerin Anna Loos. Als „ständige Gastmusiker“ sind Reinhard Petereit alias Herr Petereit, Daniel Hassbecker und Ronny Dehn dabei.

Das aktuelle Album „Wutfänger“ ist im Mai erschienen. Im Oktober und November geht die Band damit auf Deutschland-Tour und ist auch in Mecklenburg-Vorpommern zu Gast: Am 22.

Oktober spielt Silly in Neubrandenburg, am 29. Oktober in Rostock.

• Infos und Tickets: www.silly.de

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