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„Wir gehen auf die Leute zu“

Rostock „Wir gehen auf die Leute zu“

Leitungswechsel am Volkstheater Rostock. Zum ersten Mal seit vielen Jahren mit all ihren Intendanten-Rausschmissen, Provisorien und Zwischenlösungen geschieht der geordnet.

Rostock. Intendant Dr. Michael Winrich Schlicht verlässt zum 31. Juli das Haus, tags darauf wird Steffen Piontek als Generalintendant mit Fünf-Jahres-Vertrag die Verantwortung übernehmen. OZ sprach mit dem neuen Chef.

OZ: Sie haben die meisten Produktionen der aktuellen Saison vom Plan genommen, obwohl sie zum Teil noch nicht abgespielt waren. Warum?

Piontek: Der Grund ist hauptsächlich der Wechsel in den Ensembles. Einige der Mitglieder verlassen das Theater. Deshalb ist es logistisch nicht möglich, manche Produktionen zu übernehmen. Es bleiben die Oper „Aida“, auch „Jesus Christ Superstar“, das Ballett „Schneewittchen“ wird wieder aufgenommen, auch einige Stücke in der Kleinen Komödie Warnemünde.

OZ: Was wird anders im neuen Spielplan?

Piontek: Wir bemühen uns sehr, auf das Publikum zuzugehen. Wir haben Werke ausgewählt, welche nicht nur, aber auch heiteren oder unterhaltenden Charakters sind. Wobei ich meine, dass eine Tragödie oder ein scharfes Zeitstück auch auf seine Weise unterhaltend sein muss. Bei der Auswahl der Regisseure legten Johanna Schall und ich großen Wert auf Künstler, die anderswo professionell bereits gute Arbeit geleistet haben und von denen wir einen aufregenden Theaterabend erwarten dürfen.

OZ: Welche Regisseure sind zu erwarten?

Piontek: Wir haben mit Johanna Schall eine Schauspieldirektorin, die eine Gewähr für unterhaltsames und anspruchsvolles Theater bietet. Ich habe in Augsburg ihre Inszenierung „Der Diener zweier Herren“ gesehen: Das war eine grandios gefeierte Premiere. Dann können wir uns auf Katja Paryla freuen, die hier das Weihnachtsmärchen „Der gestiefelte Kater“ inszeniert. Oder auf Katharina Thalbachs Inszenierung von „Raub der Sabinerinnen“. Im Musiktheater geht es los mit „Mein Freund Bunbury“ in der Regie von Matthias Oldag. Was aus meiner eigenen Inszenierung „Don Giovanni“ wird, werden wir ja sehen. Zudem wird zu erleben sein „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonni“ in Regie von Ralf Nürnberger, die „Comedian Harmonists“ setzt Sabine Sterken in Szene, „La Bohéme“ der Schwede Georg Malvius.

OZ: Im Vergleich zur vergangenen Saison sind es weniger Premieren. Ein Schritt in Richtung höherer Auslastung?

Piontek: Wir werden die Stücke häufiger ansetzen. Ich lasse mir den Optimismus nicht nehmen, dass es gelingen kann, mehr Publikum zu erreichen als bisher.

OZ: Reagiert der Spielplan auch auf Zeitströmungen und besondere Situationen hier vor Ort?

Piontek: Das tut er. „Swinging St. Pauli“, das Musical aus Hamburg, hat einen maritimen Hintergrund. „Hallo Nazi“ gehört leider irgendwie nach Rostock. Ein hervorragendes Stück, in dem gezeigt wird, wie schnell es gehen kann, dass ein junger Mensch in die falsche Richtung läuft. Und wir führen die plattdeutsche Linie weiter.

OZ: Als Sie begannen, den Spielplan zu erarbeiten, gab es relativ günstige kulturpolitische Vorzeichen . . .

Piontek: Was denn für günstige Vorzeichen?

OZ: Den Bürgerschaftsbeschluss, das Volkstheater in vernünftiger Ausstattung über mehrere Jahre zu erhalten.

Piontek: Als wir im Herbst 2001 anfingen, den Spielplan zu entwerfen, waren wir in einer ganz anderen Situation. Es folgte ein harter Diskussionsprozess, im Mai stand das Theaterkonsolidierungskonzept der Bürgerschaft. Ich gehe davon aus, dass es so wie beschlossen umgesetzt wird. Vom Theater wird da viel verlangt, so müssen wir die Mittel für Tarifsteigerungen selbst erarbeiten.

OZ: Was halten Sie vom jüngsten Entwurf des Rostocker Haushaltssicherungskonzepts, in dem weitere Kürzungen fürs Theater stehen?

Piontek: Das ist so nicht akzeptabel. Einen Haushalt zu konsolidieren, das ist eine gesamtpolitische Aufgabe, die nicht auf dem Rücken der Kultur ausgetragen werden kann. Zuerst ist klar zu definieren: Was für Kultur wollen wir und in welchem Umfang. Danach muss die Finanzierungsmöglichkeit diskutiert werden. Nicht umgekehrt. Im Theater hat es im Gegensatz zu anderen Bereichen bereits erheblichen Personalabbau gegeben. Wenn wir die Stadt lebenswert erhalten wollen eine Stadt, die Olympische Wettbewerbe will, die mit der IGA eine Weltausstellung gestaltet, die touristisch glänzen will können wir uns einen kulturellen Kahlschlag nicht leisten. Sparen wäre hierbei das falsche Wort: Es geht um Kürzen und Wegstreichen. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Wenn Stadtkassen immer leerer werden, dann scheinen falsche politische Entscheidungen die Ursache zu sein. Kultur nützt mehr, als sie kostet.

OZ: Klingt, als hätten Sie in Rostock bisher nicht die besten Erfahrungen gemacht.

Piontek: Unterschiedliche. Ein Theater, da bin ich mir mit dem Oberbürgermeister einig, kann nicht geführt werden wie ein x-beliebiges Amt. Man kann da nicht einfach rationalisieren. Bestimmte Stücke bedürfen einer bestimmten Darsteller-Zahl. Und geht eine Schauspielerin in Rente, kann ich sie nicht durch einen Kontrabassisten ersetzen. Das in bestimmte Köpfe hier reinzukriegen, ist schwierig. Es ist ein zäher Kampf. Ich freue mich über jeden Zentimeter Luft, den wir gewinnen.

OZ: Wieviel Zentimeter sind noch zu erkämpfen?

Piontek: 100 Meter.



Interview: DIETRICH PÄTZOLD

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