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Kultur „Wir hatten Sex auf dem Papier“
Nachrichten Kultur „Wir hatten Sex auf dem Papier“
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00:05 18.05.2017

Eine verkohlte Sauna, ein Orgasmus, sichtbar gemacht auf Papier und ein toter Wellensittich namens Bubi S. – wer sich fragt, wie sich das miteinander verbinden lässt, sollte sich die Ausstellung „gestyltes Sorgerecht by MAIK Alles Gute“ im Circus Eins anschauen.

„Wir haben nicht gesucht, MAIK Alles Gute hat uns gefunden“, sagt Marie Jeschke. Mit wir meint die gebürtige Rostockerin sich und den Stralsunder Raik Zimmermann, mit dem sie 2012 ein Künstlerkollektiv gründete und mit jenem Namen versah, der anmutet wie der Text einer Geburtstagskarte. Und dann ist da noch Bubi S., ein mumifizierter Wellensittich, den Raik und Marie hinter einer Einbauküche der an Alzheimer erkrankten Besitzerin fanden und kurzerhand in ihr Kollektiv integrierten. „Neben der weiblichen und der männlichen Perspektive übernimmt er die Vogelperspektive, die stellvertretend für Dritte steht“, erklärt die 34-jährige Marie.

Dass die Zusammenarbeit genauso unkonventionell ist wie Name und Kollektiv, zeigt sich, wenn man den „MAIK-Kosmos“ betrachtet – eine eigene Welt, die sich aus Ideen beider Künstler speist und durchaus intime Züge trägt. Nachdem sich beide über Freunde kennenlernten, verließen sie ihren künstlerisch eingeschlagenen Weg und erfanden sich neu. Marie, die unter anderem Journalismus und Medienkommunikation in Hamburg sowie freie Kunst an der Universität der Künste in Berlin studiert hatte, und der malende Autodidakt Raik. „Ich hatte das Gefühl, ich kann das Forschungsfeld nun komplett neu aufrollen“, sagt der 37-Jährige.

Dass ihr Künstlerkollektiv ein Bund fürs Leben ist, bewiesen die beiden ganz praktisch: „Weil Gruppenvermählungen in Deutschland verboten sind, haben wir uns einen mexikanischen Priester gesucht, der Raik, mich und Bubi S. in Nizza verheiratet hat“, erzählt Marie ihre ungewöhnliche Geschichte. Und so dokumentiert die Ausstellung in Putbus den Lebenskreislauf des Künstlerkollektivs – von der Geburt über die Hochzeitsnacht, die in der mit Techno-Beats unterlegten Video-Installation „Mundgeblasen“ zu sehen ist, bis hin zu sexueller Vereinigung, Vergänglichkeit und Tod.

Für die Serie „Sex on Paper“ haben beide ihre intimsten Körperflüssigkeiten auf Papier gebannt und die enthaltenen Proteine mit Ninhydrin sichtbar gemacht, das auch in der Rechtsmedizin verwendet wird. „Die Bilder zeigen unterschiedliche Stellungen und Situationen, das hier ist zum Beispiel ein ,blow-job’“, sagt Marie und deutet auf eines der violetten Farbspiele. Was sich nach wilder Orgie anhört, ist für Raik und Marie – die übrigens kein Paar sind – harte künstlerische Arbeit. „Das hat jeder für sich allein gemacht, dann haben wir uns die Ergebnisse zugeschickt, aber am Ende hatten wir Sex auf dem Papier“, sagt Marie und lacht.

Auch wenn ihre Werke oft konzeptuell entstehen, sind sie für Marie und Raik ein fortlaufender kreativer Prozess, der sich zugleich als künstlerischer Ausdruck, Erkenntnisgewinn und Sozialkritik verstehen lässt – so wie in Paris, wo beide 50 mit Modelfotos beklebte und in Frischhaltefolie verpackte Baguettes zeigten und so auf das Verfallsdatum in der Modebranche verwiesen.

Auch den Aspekt Kunst als Dienstleistung greifen die beiden auf. In der Berliner Heit-Galerie installierten sie kurzerhand eine gebrauchte Sauna und luden Mitarbeiter verschiedener Dienstleistungsbetriebe zu einem Saunagang ein – als Aufguss diente ein Extrakt, den sie in den Betrieben zuvor mit einem Luftbefeuchter entnommen hatten. „Die Sauna wird zum Pinsel, die Leinwand wird aufgelöst und durch Menschen ersetzt“, erklärt Raik. Der Mensch als Filter, dessen Inneres nach außen tritt. Das Objekt zum Erkenntnisgewinn, das selbst zur Skulptur wird: so wie die Sauna, die die Künstler auf Rügen kurzerhand abfackelten und deren verkohlten Reste nun ebenfalls in Putbus zu sehen sind.

„Ich glaube schon, dass die Ausstellung für das Publikum hier provokativ ist, aber das ist nicht mein Ziel“ betont Galeristin Susanne Burmester. „Das Tolle ist, dass die beiden so prozesshaft arbeiten und wir alle ein Teil davon werden.“ Dieser Prozess dauert in Putbus noch bis zum 9. Juli, im Herbst zieht die Kunst-Karawane dann weiter zur Galerie „l’étrangère“ in London.

Stefanie Büssing

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