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„Wir nahmen uns die Freiheit“

„Wir nahmen uns die Freiheit“

Der ehemalige Renft-Musiker Christian „Kuno“ Kunert (64) hat gerade seinen ersten Roman „Ringelbeats“ veröffentlicht. Er stellt sein Buch bei Lesungen in Parchim und Rostock vor.

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Christian „Kuno“ Kunert (2. v. r.) im Jahr 2003 in einer Nachwende-Besetzung von Renft

Quelle: Fotos: Oz-Archiv (1), Eulenspiegel-Verlag (1), Promo (1)

Werden Sie eigentlich noch oft auf Ihre Zeit bei Renft angesprochen?

OZ-Bild

Der ehemalige Renft-Musiker Christian „Kuno“ Kunert (64) hat gerade seinen ersten Roman „Ringelbeats“ veröffentlicht. Er stellt sein Buch bei Lesungen in Parchim und Rostock vor.

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Christian „Kuno“ Kunert: Häufiger als mir lieb ist. Ich könnte auch das Perpetuum mobile erfinden – immer würde ich gefragt werden: „Haben Sie nicht mal bei Renft gespielt?“ Andererseits würde die OSTSEE-ZEITUNG kein Interview mit mir machen, wenn ich nicht bei Renft gespielt hätte.

Renft war immer auch eine politische Band. Gab es ein Idealbild der DDR, das die Renft-Musiker vor Augen hatten, das sie aber nie verwirklicht sahen? Wenn ja, wie kann man sich dieses Idealbild vorstellen?

Ich glaube, wir gingen davon aus, dass mit der Entprivatisierung der Wirtschaft die Grundlagen für eine bessere, gerechtere Gesellschaft geschaffen waren, nun nur noch ein bisschen mehr Freiheit und Freude ins Spiel kommen müssten und der Laden dann von allein liefe. Leicht von der naiven Sorte. Wir hatten offenbar die Klassiker nicht gründlich genug gelesen. Da ist in jedem zweiten Satz die Rede von Gewalt und Diktatur und dass Kritiker und Wankelmütige aus dem Weg zu räumen sind.

Was war das eigentlich für ein Gefühl, als Renft 1975 verboten wurde? Haben Sie da den Glauben an die DDR – soweit vorhanden – verloren?

Wir haben an irgendwas geglaubt und dann festgestellt, dass die DDR-Wirklichkeit nichts damit zu tun hat. Was wir sicher wussten, war, dass wir uns nicht mehr in unsere Songs, unser Outfit, unsere Konzertabläufe hineinreden lassen wollten. Wir nahmen uns die Freiheit zu sagen, dass es mit der Freiheit nicht weit her ist im Lande. Das Verbot gab uns in diesem Punkt schließlich recht, und so war es in gewisser Weise auch ein Sieg. Wie ein Orden. Die anschließende Feier hatte es entsprechend in sich.

Nach dem Renft-Verbot machten Schlagzeuger Jochen Hohl und Gitarrist Peter Gläser zum Beispiel bei Karussell weiter Musik. Aber Sie und Texter Gerulf Pannach wurden verhaftet und saßen im Gefängnis.

Haben Sie erfahren, warum es den Renft-Bandmitgliedern so unterschiedlich ergangen ist?

Aus den Akten geht hervor, dass die Band gezielt gesprengt wurde. „Monster“ (Thomas Schoppe – d. A.) und ich sollten zur Armee, Jochen (Jochen Hohl – d. A.) und „Cäsar“ (Peter Gläser – d. A.) wurden im Auftrag der Stasi vom Karussell-Chef, der „ein guter Genosse“ sei, im Übrigen auch ein guter IM war, abgeworben. „Jenni“ (Klaus Jentzsch – d. A.), der einen Ausreiseantrag stellte, wurde unverzüglich rausgelassen. Was mich und Gerulf (Gerulf Pannach – d. A.) betrifft, so saßen wir im Knast, weil wir Songs auf Band gesungen hatten, die dann im Westradio gesendet wurden.

Das war schon ein ziemlich kapitales Verbrechen. Also unter fünf Jahren lief da gar nichts.

Als Sie 1977 in den Westen kamen, haben Sie mit Gerulf Pannach einige Platten aufgenommen. Wie war damals die Resonanz in den Medien und im Publikum?

Nach der Entlassung aus der Haft gab es zunächst einen Medienrummel. Der ebbte dann aber bald ab. Das Duo Pannach & Kunert hätte sicher auch gern eine steilere Karriere gemacht, mehr Platten verkauft, mehr Kohle verdient. Aber – mein Gott – uns ging es gut, wir waren bekannt, bekamen tolle Kritiken, hatten Fans und haben bis zum Ende von unserem Job gelebt.

Der 1985 ebenfalls in den Westen ausgereiste Pankow-Schlagzeuger Frank Hille sagte einmal aus eigener Erfahrung: „DDR-Rockmusiker sind wie die Sonne – sie gehen im Osten auf und im Westen unter.“

Haben Sie solche Erfahrungen auch gemacht?

Da hat er sich’s ein bisschen einfach gemacht, der gute Franki. Es gab da keine Regel. Der eine schafft’s, der andere nicht. Wie im richtigen Leben. Man kann bei Nina Hagen nicht im Ernst davon sprechen, sie sei im Westen untergegangen. Oder bei Franz Bartzsch. Ich selbst hab’ mich auch nie wie ein Untergegangener gefühlt.

Als Sie nach der Wende wieder zu Renft zurückkehrten, wie war das?

Ich bin nicht zurückgekehrt. Erstens wollte ich nicht wieder in meine Kinderklamotten steigen, zweitens war ich musikalisch anders orientiert und drittens hab’ ich das desaströse Ende des Unternehmens vorausgesehen.

Nun schreiben Sie viel. Steckte die Schriftstellerei immer in Ihnen?

Vielleicht. Rausgetraut hat sie sich nur gelegentlich. Beiträge für Fachzeitschriften hab’ ich geschrieben, auch Kabarettnummern. Mit Gerulf zusammen ein Musical, auch mal ein Drehbuch für eine Fernsehserie, das aber niemand haben wollte. Mit meinem Roman „Ringelbeats“ hab’ ich erst angefangen, nachdem ich das Gehör verloren hatte.

Gab es einen konkreten Anlass für Ihr aktuelles Buch?

Eigentlich wollte ich über meine Kindheit schreiben. Als ich merkte, dass sich das nicht gut liest, kam mir eine Mail zu Hilfe: Jemand schrieb, er habe einen getroffen, der sich meine Vita angeeignet hat. Das fand ich ganz lustig. Da haste doch ein Roman-Sujet, hab’ ich mir gedacht. Also los.

Wie viel Autobiografisches steckt eigentlich in der Hauptfigur des Jacobus Kubisch?

Ach, vielleicht dies und jenes am Rande. Aber Kubisch hat viel mehr erlebt. Da kann ich mich mit meiner Biografie verstecken. Der macht auch vieles besser, als ich es gemacht habe. Deshalb erzähle ich seine Geschichte und nicht meine.

Machen Sie heute noch ein bisschen Musik?

Nicht mehr so gerne. Es klingt nicht schön mit meinen künstlichen Ohren. Paar Songs hab’ ich noch drauf, bei anderen funktioniert es nicht. Dann lasse ich es lieber.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu den verbliebenen Renft-Leuten heute?

Es sind ja leider nur noch zwei. Wir treffen uns alle paar Jahre mal bei einer Veranstaltung: „Hallo, wie geht’s?“ Jochen (Jochen Hohl – d. A.) hat mich letztens mal besucht auf meinem Berg, das war ein großes Vergnügen.

liest aus „Ringelbeats“ am 12. Mai um 19 Uhr in Parchim („Der Buchladen“, Blutstraße 33) und am 13. Mai um 18.30 Uhr in Rostock-Warnemünde („Ringelnatz“, Alexandrinenstraße 60). Am 14. Mai um 11 Uhr ist der Autor in Parchim bei einer Vernissage mit Klaus-Renft-Gemälden. Ort: Galerie „Kunst & Kommunikation“ (Lübzer Chaussee 7), Titel: „Renft und Ringelbeats“.

Die in der DDR gegründete Rockband Renft ist nach Umbesetzungen noch aktiv

Als Klaus Renft Combo wurde die Gruppe 1958 von Klaus Jentzsch in Leipzig gegründet. Ab 1969 war auch der Liedermacher Gerulf Pannach für Texte der Band zuständig. Es erschienen zwei Renft-LPs.

Die von Pannach getexteten Lieder für eine dritte LP stießen bei den DDR-Behörden auf Ablehnung, Renft wurde im Sommer 1975 verboten.

Zu einer Wiedervereinigungstournee durch die DDR fand sich die Band 1990 wieder zusammen. 1996 verließ Bandgründer Klaus Jentzsch die Band. 1997/98 hieß die Band Monsters Renft, da Jentzsch die Namensrechte beanspruchte. 2005 verstarb Multiinstrumentalist Peter Kschentz, Thomas Schoppe übernahm die Position des Frontmanns. 2007 verunglückte Gitarrist Heinz Prüfer tödlich, 2008 verstarb der frühere Gitarrist Peter „Cäsar“ Gläser. Heute besteht Renft aus Detlef Kriese (Schlagzeug), Marcus Schloussen (Bass), Thomas Schoppe (Gesang) und Gisbert Piatkowski (Gitarre) – auf dem Foto v.l.n.r.

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Jacobus Cobu Kubisch, einstiger Brettlkünstler, behäbiger Ruheständler, Biertrinker und Gartenfreund, erhält eine seltsame E-Mail und sieht sich daraufhin gezwungen, über den Lauf seines Lebens nachzudenken. Cobu begibt sich auf eine Tour des Erinnerns.

Christian „Kuno“ Kunerts Roman „Ringelbeats“ ist erschienen im Eulenspiegel Verlag, hat 336 Seiten, kostet 19,99 Euro und ist auch als E-Book erhältlich.

Interview: Thorsten Czarkowski Christian „kunoâ“

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