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„Wir sind nur Fragende!“

Rostock „Wir sind nur Fragende!“

Der Maler Markus Lüpertz (75) und der Fotograf Andreas Mühe (36) stellen in der Kunsthalle Rostock aus

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Im White Cube der Kunsthalle hängen Bilder Mühes um einen Apoll Lüpertz’ herum.

Rostock. Herr Mühe, Sie sind ja langsam Stammgast in Rostock.

OZ-Bild

Der Maler Markus Lüpertz (75) und der Fotograf Andreas Mühe (36) stellen in der Kunsthalle Rostock aus

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Andreas Mühe: Ja, es ist nach 2011 und 2013 meine dritte Ausstellung.

Haben Sie sich in die Rostocker Kunsthalle verliebt?

Mühe: Ich habe mich in Jörg-Uwe Neumann verliebt. So ein eloquenter, junger Arzt, der sich für Kunst interessiert – was will man mehr?

Lüpertz: Es ist ja eine von uns kuratierte Ausstellung. Und als Künstler können wir machen, was wir wollen. Das ist nicht überall so. Meist ist das ein großer Kampf. Diese Kunsthalle ist ein gelungener Ort. Es werden ja jede Menge Museen gebaut, die für alles Mögliche zu gebrauchen sind, nur nicht zum Bilderaufhängen.

Sie zeigen ein idealisiertes Menschenbild. Mühe anhand des ironischen Umgangs mit überhöhter Nazi-Ästhetik, Lüpertz am Apoll.

Mühe: . . . ich glaube nicht, dass es eine idealisierte Menschendarstellung ist. Es ist ein Spiel, aber nicht vorrangig der Grund, warum wir da antreten – oder?

Lüpertz: Ich sehe das als Auseinandersetzung zwischen uns beiden, die eine Frage stellt. Wir können nicht das Resultat vorwegnehmen. Sie können von uns den Ansatz erwarten, dass wir uns ernsthaft fragen, was diese Arbeiten miteinander zu tun haben. Wir wissen, dass es was miteinander zu tun hat. Daher, dass ich es mag, dass er es mag, ich mich in seinen Fotos wiederfinde, bestimmte Ideen der Malerei finde. Dass er in der Zeichnung eine bestimmte Art von Stimulanz, von Atmosphäre findet – aber das ist ein Angebot. Wir sind, wie alle Künstler Fragende. Wir wollen keine Antworten.

Und der Betrachter muss sich seine Antworten suchen.

Lüpertz: Der Betrachter ist die Antwort. Er muss damit zurechtkommen oder es ablehnen.

Was verbindet, was trennt diese Werke?

Lüpertz: Wir beide stellen Atmosphären da. Bilder, die außerhalb der Realität sind mit den Mitteln der Realität. Man könnte das fast metaphysisch nennen. Seine Fotografie hat was mit dem Maler de Chirico zu tun – mit dieser angehaltenen Welt. Das finde ich faszinierend, sehr malerisch und sehr poetisch. Das sind Dinge, die mich in meiner Malerei und meinem Leben auch immer interessiert haben.

Sehen Sie Andreas Mühe als Maler mit der Kamera?

Lüpertz: Das ist mir zu simpel. Malen kann man nur mit dem Pinsel. Aber das Resultat, was man sieht, das hat eine Atmosphäre, die Malerei ist. Malerei mit der Kamera wäre eine Erklärung, die es nicht gibt. Ich habe ja das Problem, wann ist Fotografie Kunst und wann ist es Fotografie. Andreas ist der Erste, bei dem ich festgestellt habe, dass es durchaus in mein Atelier gehört.

Man könnte auch sagen, er ist ein Geschichtenerzähler.

Lüpertz: Nein, er erzählt keine Geschichten. Die Geschichten wären Blödsinn. Wenn da einer im Wald onaniert – ja, was soll denn das? Das ist keine Geschichte, es ist eine Beunruhigung. Ein Bruch in der Realität. Es löst die Realität auf, durch die Anhäufung von Unsinn, von tiefem Schwarz, von irrationalen Handlungen und Verhaltensweisen entsteht eine metaphysische, eigene Welt. Eine Bildsprache, die nur da stattfindet. Das ist aufregend. Es könnten auch Straßenbahnschaffner sein. Aber das hätte nicht diese Schärfe, diese verbotene Poesie.

Mühe: Brisanz!

Es geht um Haltung. Ist das eine gesellschaftliche Frage?

Mühe: Das ist unser Grundauftrag!

Lüpertz: Wir sind Kinder dieser Gesellschaft, wir sind die Gesellschaft. Ich male, Andreas fotografiert. Also sind wir nicht außerhalb der Gesellschaft. Wir sind die Toleranz, die Großzügigkeit, die Intelligenz dieser Gesellschaft. Wir sind das, was die Gesellschaft zulässt. Je mehr sie zulässt, desto großartiger ist die Gesellschaft. Aber damit ist es ein bisschen im Argen.

Damit leben wir, damit kämpfen wir.

Hatten Sie, Herr Lüpertz, als Maler keine Sorge, dass Ihre Apoll-Studien von der perfekten Inszenierung Mühes erschlagen werden?

Lüpertz: Ich sehe die Bilder von ihm als schwarz, und ich sehe mich als weiß. Ich finde, dass sich das in einer wunderbaren Weise ergänzt. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich erschlagen werde. Weil ich mit meiner Arbeit zulasse, dass er mit seiner Arbeit monumental wird, und er lässt mit seiner Arbeit zu, dass ich sensibel werde.

Mühe: Schöner kann man es nicht beschreiben.

Was hat Sie, Herr Mühe, an der Zusammenarbeit gereizt?

Lüpertz: . . . dass ich immer rede.

Mühe: In frühen Gesprächen hatten wir mal das Thema Lehre. Markus reizt diese Auseinandersetzung. Ich habe das ausprobiert und bemerkt, dass mir das zu viel ist. Ich bin viel ruhiger, bin aber fasziniert davon, wie toll man sich über seine Arbeit äußern kann. Ich habe bisher immer gesagt: Sie sehen meine Arbeit. Das ist meine Sprache.

Ist so eine Zusammenarbeit nicht unglaublich schwierig? Sie sind ja beide eher Einzelgänger.

Mühe: Künstler sind meistens Einzelgänger.

Lüpertz: Wir sind Einzelgänger mit einer großen Sehnsucht der Gemeinsamkeit. Es hat ja immer Künstlerzusammenschlüsse gegeben, die zwar nie lange gehalten haben. Aber diese Sehnsucht auf Weggefährten . . .

Mühe: . . . nicht alleine zu sein.

Lüpertz: Er verkörpert für mich eine bestimmte Generation, die mich neugierig macht, die auf unsere große Generation folgt.

Kooperation von Malerei und Fotografie gab es so noch nicht – oder?

Lüpertz: Nein, es hat in den 20er Jahren Maler gegeben, die mit Fotografie experimentiert haben, wie Man Ray oder Dalí. Oder in Filmen wie „Der andalusische Hund“ von Buñuel und Dalí oder „Orphée“ von Cocteau. Dann August Sander, der ja zu den Malern gehört als Fotograf, wenn man das so sagen kann. Da hat Andreas halt diesen Anschluss gefunden. Und das finde ich faszinierend.

Im Surrealismus bestand aber noch nicht die Gefahr, dass die Fotografie die Malerei tötet.

Lüpertz: Nein, da hat sich das gegenseitig befruchtet. Das kann auch durchaus wieder passieren.

Aber es gab doch diese Sorge . . .

Lüpertz: Das Problem ist die Simplifiziertheit der Menschen. Denen genügt das Foto. Und wenn ihnen die Fotos genügen, lassen sie Malerei nicht mehr zu.

Und da ist Andreas Mühe den Schritt weiter gegangen?

Lüpertz: Nein, wir haben mit dieser Ausstellung den Versuch gemacht zu fragen: Stimmt das?

Und auf die Frage, ob das stimmt, werden Sie sagen, dass ich das selbst herausfinden muss.

Lüpertz: Genau, da sind Sie schon selbst gefordert als Betrachter.

Sind das böse Bilder?

Mühe: Wie meinen Sie das?

Die Bilder tragen eine feine Ironie in sich, wirken aber auch böse.

Mühe: Wirklich?

Lüpertz: Also, ich find’ es niederträchtig, was du machst.

Mühe: Alles, was uniformiert auftritt, ist ja irgendwie merkwürdig. Und je größer eine Gruppe wird, desto größer wird die Masse, die Gewalt, die von ihr ausgeht. Das ist ja eigentlich ein Spiel, sich zu uniformieren, ob man nun Bomberjacken trägt oder Nazi-Uniformen.

Mit diesem Spiel spielen Sie?

Mühe: Sicherlich.

„Ancien Régime“: Malerei und Fotografie

„Ancien Régime“ nennen der Fotograf Andreas Mühe (36) und der Maler Markus Lüpertz (75) ihre Ausstellung in der Kunsthalle Rostock. Ancien Régime bezeichnet eine überkommene Staatsform und steht für die absolutistische Regierung vor der Französischen Revolution. Eine künstlerische Anspielung, dass wir in vorrevolutionären Zeiten leben. Die Schau zeigt Fotografien Mühes und 94 Bilder von Lüpertz. Erstmals die gesamten Studien zum Apoll von Ludwig Münstermann, die Lüpertz im Bodemuseum Berlin gefertigt hat.

Die großformatigen Fotografien von Mühe stammen aus seiner Obersalzberg-Reihe. Dort hat er Models in Nazi-Uniformen in perfekten Inszenierungen in idyllische Landschaften drapiert, die an Caspar David Friedrich erinnern. SS-Männer, die im Wald onanieren oder urinieren, dazu Akte nackter strammstehender Nazis. Es geht um Haltung. Die Haltung des Körpers, die Körperhaltung, bei Lüpertz wie auch bei Mühe, und die Haltung des Menschen. Mühe arbeitet in seinen Hochglanzinszenierungen mit Brüchen und böser Ironie. Lüpertz hat sich dem Apoll zum einen filigran und fein, zum anderen berserkerhaft genähert. Eine intensive Auseinandersetzung mit einem Schönheitsideal, das er in seine Einzelteile zerlegt, zerstört und wiederaufbaut.

Beide Arbeiten, in denen es um Destruktion und Abstraktion, Beunruhigung und Verschiebung geht, wirken allein schon verstörend. Gemeinsam entwickeln sie eine völlig eigene Ästhetik und Atmosphäre der Verunsicherung.

Die Schau wird heute um 18 Uhr eröffnet und läuft bis 4. Dezember.

Interview von Michael Meyer

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