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Wir wollen immer ein Fest feiern

Wir wollen immer ein Fest feiern

Heute endet die Festspielsaison in Neubrandenburg / Mit 80000 Besuchern stellen die Festspiele MV den Vorjahresrekord ein / Warum die Klassikreihe jedoch nicht auf Rekordejagd geht und was ihm viel wichtiger ist, erzählt Intendant Markus Fein

Heute endet die Festspielsaison 2016 mit 133 Konzerten. Auf Schloss Hohen Luckow haben Sie gezeigt, dass Sie nicht nur Wert auf Musik, sondern auch auf die Verbindung von Musik und Ort legen. Sie erkunden den Ort?

Markus Fein: Musik und Ort, Musik und Geschichte, Musik und Mecklenburg-Vorpommern. Die Frage ist, wie können wir dieses Festival spezifizieren, regional verankern und mit Weitblick, mit internationalen Künstlern arbeiten. Ich erlebe dieses Bundesland als ein Riesenfüllhorn von Ideen, Angeboten, Inspirationen. Die Unerhörten Orte: Wir waren im Max-Planck-Institut Greifswald im Wendelstein 7-X. Ein unglaubliches Konzert. Aber wir wären nie auf die Thematik Musik und Physik, Musik und Technik, Musik und Licht gekommen ohne diesen Ort. Das ist belebend, spannend, inspirierend. Und das macht die Festspiele unverwechselbar. Die großen Stars treten überall von Hamburg bis München auf.

Hohen Luckow – was ist da der Punkt der Verbindung?

Fein: Mich fasziniert dieser Ort in der Ambivalenz von Tradition und Moderne. Ein wunderbares Anwesen mit einer großen Geschichte. Auf der anderen Seite ist das ein hochmoderner Landwirtschaftsbetrieb. Und es ist ein Ort der Künste mit dem Skulpturenpark.

Also kein pittoresker Ort für Historismus. Und die Musik sehen Sie auch nicht als etwas Pittoreskes, das man auf einen Sockel stellt.

Fein: Genau! Im Idealfall verbindet sich die Musik mit unserer eigenen Lebenswelt. Sie soll auch unterhaltsam sein. Wir wollen mit den Festspielen immer ein großes Fest feiern. Es soll Leichtigkeit haben. Auf der anderen Seite glaube ich, dass Kultur eine Brisanz haben muss – nicht im politischen, sondern in einem gesellschaftlichen Sinne.

Sie hatten die Pavillons Moderne und Barock. Dafür erhalten Sie in der Musikwelt große Anerkennung. Wie wird das angenommen?

Fein: Sehr gut. Die Pavillons waren sehr gut besucht. Barockmusik und moderne Musik sind ja zarte Pflänzchen in MV. Es gibt hier keine Tradition einer umfangreichen Pflege der Barockmusik wie in Hamburg. Aber es gibt ein großes Interesse und Neugierde. Die Leute sind dankbar dafür. Bei den Pavillons sagen die Gäste: Das haben wir so noch nicht erlebt, wir wussten nicht, dass ein Konzert so gedacht werden kann. Die Menschen wollen über Musik mehr wissen, wollen reinkommen in diese Sphäre. Aber sie wissen manchmal nicht, wo sie ansetzen können. Es kann ja nicht jeder Musik studieren. Die Verbindung von frischer Originalität, Leichtigkeit und Information kommt an. Beim Pavillon Moderne war es geradezu euphorisch. Wir haben Experten aus ganz Norddeutschland angesprochen. Da haben wir das Spektrum erweitert. Wir machen die Festspiele breiter, ohne beliebig zu werden. Wie bei Gewürzen. Es gibt nicht nur Salz und Pfeffer, sondern verschiedenste Salzsorten.

Kulturkonsumenten wollen auch etwas Spezifisches.

Es ist aber anstrengend. In Reihe neun bei Bruckners Fünfter mal kurz wegnicken, geht da nicht.

Fein: Nein, das geht nicht. Aber ich glaube nicht, dass das ein Wunschdenken eines programmverliebten Intendanten ist. Ich glaube, dass es das Bedürfnis gibt, diesen Meisterwerken der Kulturgeschichte nah- zukommen.

Das klingt beruhigend.

Fein: Warum?

Weil es zeigt, dass es Menschen gibt, die sich nicht nur berieseln lassen, sondern sich über kulturelle Ereignisse mit gesellschaftlichen Prozessen auseinandersetzen wollen.

Fein: Und die Festspiele stellen unter Beweis, dass das keine intellektuelle Randgruppe ist, sondern dass wir immer mehr Menschen begeistern. Unser Ziel ist es zu zeigen, wie lebendig die Begegnung mit Musik sein kann. Da wollen wir alle mitnehmen. Als Gegengewicht hatten wir das erste Sommerfest Ulrichshusen – poetisch, traumverloren im Park mit Feuerwerk. Ulrichshusen ist ja unser Ort für die großen Orchester und mehrtägigen Themenschwerpunkte. Hier wollten wir mal ein leichtes, rauschendes Fest feiern.

Was sind Ihre Grundpfeiler?

Fein: Kommunikation, lebendiger Austausch, künstlerische Qualität und regionale Verankerung. Wir sind ein Festival auf dem Lande. Die Elbphilharmonie steht uns ja auch ins Haus.

Als Mitbewerber . . .

Fein: Ja, da müssen wir sehen, wie profilieren wir uns. Da haben wir als Festival in der Fläche eigene Chancen. Daher prägt unsere Planung die Frage: Wie kann ich das ländliche Erleben einbeziehen?

Weitere Säulen?

Fein: Wir pflegen wertvolle Traditionen wie Junge Elite, Preisträger- und Friends-Projekte, Festspielfrühling. Und wir präsentieren immer wieder Premieren. Beispiel Open-Air Hasenwinkel:

Karneval der Tiere mit Ben Becker als Stargast. Das gab es zum ersten Mal.

Das Format „Künstler beleidigen Sponsoren“ auch.

Fein: (lacht) Das auch!

War das heikel, als Ben Becker in Rostock böse Späße auf Kosten des Sponsors Aida gemacht hat? Oder sagen Sie: Wer Ben Becker einlädt, kann nicht erwarten, dass Heinz Rühmann auftritt.

Fein: Genau so ist es. Das halten wir aus. Das hält auch Aida aus. Aber Becker war nach diesen drei Tagen in Hasenwinkel, Rostock und Stralsund regelrecht beglückt. Er hatte ja auch Spitzen gegen MV losgelassen. Aber das gehört zum Konzept.

Also ein Highlight der Saison?

Fein: Ja, aber für mich das aufregendste Konzert war das von Hélène Grimaud und Jan Vogler, der in Redefin für das in Frankfurt hängengebliebene Orchester eingesprungen ist und aus Paris eingeflogen wurde. Weil das selbst die Musiker euphorisiert hat. Spontan ohne Anspielprobe vor 3000 Menschen aufzutreten – Adrenalin pur. Jan Vogler ist um 18.20 Uhr angekommen, hat ein Brötchen gegessen, Cello über die Schulter und los. Das war das turbulenteste und aufregendste Konzert der Saison.

Und das sympathischste?

Fein: Die Veranstaltung, die die Menschen am meisten verzaubert hat, war der Jahrmarkt der Sensationen, wo von Kindern bis Oma und Opa bis zu den Großeltern ganze Familien waren.

80000 Gäste, neuer Rekord 2016. Werden Sie Rekordesammler oder gehen Sie einen anderen Weg?

Fein: Wir wollen einen anderen Weg gehen und nicht des Selbstzwecks wegen Rekorde brechen.

100000er-Marke?

Fein: Nein, ich glaube nicht, dass wir diese Marke knacken. Das ist nicht unser Ziel. Sie sehen ja die hohe Auslastung. Selbst mit einer 100-prozentigen Auslastung kämen wir nicht auf 100000. Also bräuchten wir deutlich größere Spielstätten zulasten der kleinen, idyllischen. Das will ich nicht. Wir müssten aus Kostengründen viel mehr doppeln.

Was heißt doppeln?

Fein: Dass wir ein und dasselbe Konzert mit demselben Programm innerhalb des Festivals drei oder vier Mal im Land spielen. Aber das ist nicht unser Ding. Unser Ding bleibt es, an Qualität zu arbeiten, die Festspiele lebendig zu halten, neue Ideen zu entwickeln. Wenn wir auf diesem Weg weiterhin Rekorde brechen, freut mich das natürlich. Wir sind aber kein kommerzielles Unternehmen, sondern ein künstlerisches und müssen als solches gut wirtschaften.

Was ist das Ziel für 2017?

Fein: Jedes Jahr hat eine eigene Qualität und Lebendigkeit, die von den Künstlern kommt, die wir einladen. Wir haben 2017 wieder einen neuen Künstler in Residenz . . .

Wer ist das noch gleich?

Fein: Netter Versuch (lacht). Geben wir bald bekannt. Unsere Preisträger – jedes Jahr kommen drei dazu – sind unser Goldschatz. Das ist ein Jungbrunnen für die Festspiele.

Vilde Frang sagte über ihre Residence, das sei, als dürfte sie einen Sommer nach Herzenslust in einem Bonbonladen stöbern.

Fein: Ja, sie war sehr glücklich. Das war eine herzliche und familiäre Residence mit Vilde Frang. Und wir sind sehr glücklich mit ihr.

Interview von Michael Meyer

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