Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 12 ° Gewitter

Navigation:
„Wir wollten radikal sein“

„Wir wollten radikal sein“

Im letzten Jahrzehnt der DDR entstand eine unabhängige, sehr kreative Künstlerszene. Beispiele sind ab morgen im Künstlerhaus Plüschow zu sehen.

Plüschow. „Aus den Stapeln verbotener Bücher und den Liedern befreundeter Leichen springt Wut ohne Maß auf mich über. Sesselfurzer und amtliche Uhren sollten zum Stundenzählen nicht reichen? Muß ich doch mit der Zukunft huren“, schrieb der 1957 in Ostberlin geborene Dichter Uwe Kolbe in „Ansage Absage“ im Jahr 1979.

Dieses und weitere Gedichte von Kolbe hängen in Kombination mit Grafiken von Hans Scheib im Künstlerhaus Plüschow in Nordwestmecklenburg. „Ansage-Absage“ ist der programmatische Titel der neuen Ausstellung, die Positionen der DDR-Künstlerszene in den 1980er Jahren beleuchtet. „Sie war gekennzeichnet durch die Absage an die offiziellen Vorgaben für Kunst und die Suche nach eigenen Formen.

Kunst wurde zum Mittel, um Identität zu stiften“, sagt der Plüschower Künstler Udo Rathke, der die Ausstellung kuratierte. Er muss es wissen, hat er doch als Kunststudent selbst die Ostberliner Szene erlebt und in den 1980er Jahren zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin Miro Zahra, das damals verfallene Schloss in Plüschow zu einem Künstler-Haus aufgebaut.

Kontakte zu Freunden und Kollegen aus jener Zeit und eigene Sammlungen haben nun eine respektable Schau ermöglicht, die einen Querschnitt durch eine sehr lebendige, vielschichtige und freche Kunstszene zeigt, die den Verboten und der Beobachtung des Staates immer wieder Schnippchen schlug. Gedichte wurden mit mehreren Durchschlägen getippt, die Blätter von Künstlern gestaltet, die Unikate unter der Hand gehandelt, Beispiele sind in Plüschow zu sehen. Bücher und Zeitschriften druckte man selbst in kleinen Auflagen, einige Exemplare von „Entwerter oder“ geben davon einen Eindruck. Und man staunt, was im Halbschatten des Staates alles möglich war. Auf seinen „Satirischen Blättern zur Zeit“ nimmt der Mecklenburger Künstler Oskar Manigk die Stasi ins Visier, Fotos und Grafiken verschiedener Künstler thematisieren die Umweltsünden in Bitterfeld. Kraftvoll wie düster sind die Ölbilder von Michael Wirkner. Klaus Killisch nahm mit seinem Ölbild „Mauerdurchbruch“ 1987 den Mauerfall ’89 vorweg – auch das wird in Plüschow gezeigt.

1974 etablierte Jürgen Schweinebraden im Prenzlauer Berg in Berlin die EP-Galerie – die erste private Galerie. Er stellte 1979 unter anderem A. R. Penck aus, der damals noch Ralf Winkler hieß und bereits nicht mehr öffentlich ausstellen durfte. Siebdrucke aus jener Zeit nach früheren Skizzen von Penck sind in Plüschow zu sehen.

„Wir wollten Individualität leben, radikal sein, zweck- und ideologiefrei arbeiten. Ein Bild schaffen, das zeitlos ist“, hat sich die Künstlerin Cornelia Schleime einmal geäußert, die 1981 in der DDR Ausstellungsverbot hatte und 1984 nach Westberlin ging. Auch von ihr hängt eine Grafik in Plüschow.

Die Schau will aber nicht mit großen Namen kokettieren oder nostalgisch zurückblicken. „Es ist keine museale Ausstellung, es geht um die Autonomie der Kunst. Die Unabhängigkeit von Zweck und Bevormundung ist auch für unsere Kunst und unser Künstlerhaus exemplarisch“, sagt Miro Zahra.

Zum individuellen Ausdruck der 1980er Jahre gehörte auch die Performance. Beispiele dafür finden sich in Fotos und ehemaligen Super-8-Filmen von Jörg Herold („Körper im Körper“, der 1997 auf der documenta X in Kassel gezeigt wurde) und der Gruppe um Micha Brendel.

Viele Künstler, die damals die Szene bestimmten, wollten oder mussten irgendwann die DDR verlassen. Auch der Poet Uwe Kolbe siedelte 1988 nach faktischem Berufsverbot nach Hamburg über. Am 13. August liest er in Plüschow aus seinem neuen Buch „Brecht“ – auch darin geht es um die Autonomie des Künstlers.

Petra Haase

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
London

Die Schotten sind wütend, die EU ist stocksauer, die Briten sind fassungslos. In Großbritannien macht sich nach dem Brexit-Votum Katerstimmung breit. Gibt es noch einen Weg zurück?

mehr
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.