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Wirklichkeit mit weichem Plüsch

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„Sozusagen Paris“: Navid Kermani legt neuen Roman vor / Ein Buch über das Gefühlschaos eines Liebenden

München. Das also ist aus der Pausenhofschönheit, die immer in der Raucherecke stand, geworden: eine verheiratete Ärztin, dreifache Mutter, Bürgermeisterin. Attraktiv, schön ist sie noch immer, auch wenn der Erzähler sie nicht sofort erkennt. Dabei war er vor 30 Jahren rettungslos verliebt in die ältere Jutta. Jetzt trifft der erfolgreiche Autor sie bei einer Lesung wieder.

Dieses Aufeinandertreffen steht am Beginn von Navid Kermanis neuem Roman „Sozusagen Paris“, der jetzt erschienen ist. Der namenlose Icherzähler, Kenner und Liebhaber französischer Literatur des 19./20. Jahrhunderts, ordnet die Situation rasch ein: Früher träumten die verheirateten Gattinnen in der französischen Provinz immer von Paris, denkt er und zitiert Maupassant. Jetzt sei er für Jutta sozusagen Paris – eine Flucht aus dem Alltag. Doch gleich darauf bekennt er, dass er sich die „Wirklichkeit mit weichem Plüsch“ auspolstere. Was und wer er für Jutta ist, begreift er nicht. Obwohl die beiden eine Nacht miteinander verbringen: Sie lädt ihn zu sich ein und erzählt ihm die Geschichte ihrer Ehe, während ihr Mann im Stockwerk darüber sitzt und Abrechnungen sortiert.

Die Liebe, Erinnerung an eine Liebe, Liebe in der Literatur – im ersten Moment überrascht die Thematik von „Sozusagen Paris“. In den letzten Jahren hat man Kermani als Autor wahrgenommen, der über Islam, Islamismus, Wege friedlichen Zusammenlebens schreibt. Die Jury, die ihn 2015 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ehrte, lobte ihn als einen, „der mit großer Sachkenntnis“ in theologische, gesellschaftliche Diskurse einzugreifen vermag.

Kermani, 1967 in Siegen als Sohn iranischer Eltern geboren, ist einer der produktivsten deutschen Autoren. Womöglich empfindet er ähnlich wie der Erzähler seines Romans. Der ist konsterniert, als Jutta ihn fragt, woher der Terror in der Welt komme. „Bei einem wie mir bucht das Kulturamt mit der Literatur nicht nur die Integration mit. Praktischerweise macht mich die Herkunft außerdem zum Terrorexperten“, denkt er. In „Sozusagen Paris“ taucht er nicht als Terror-, sondern als Literaturexperte auf, der Texte besser begreift als Menschen. Der Roman wird kaum von Handlung angetrieben, sondern von Erinnerung, Erzählung, Reflexion über Illusion und Desillusionierung in der Liebe. Der Roman liest sich leicht, seine Konstruktion ist vertrackt. Kermani ist auch witzig. Als seine Ex-Liebe in Fahrt ihre nicht sonderlich kluge Sicht auf die Welt darlegt, heißt es: „So eine apologetische Scheiße ist mir schon lange nicht mehr untergekommen, wird der Lektor stöhnen, der Jutta ohne mein liebendes Auge sieht.“

Navid Kermani: „Sozusagen Paris“ Hanser, 287 Seiten, 22 Euro.

Martina Sulner

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