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Wo Sport zur Kunst wird

Bremen Wo Sport zur Kunst wird

Eine spektakuläre Schau in der Bremer Kunsthalle zeigt den Blick des Malers Max Liebermann auf Bewegung und Sport.

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Leihgabe vom Museum Kunst der Westküste auf Föhr: Max Liebermann, „Tennisspieler am Meer“ (1901, Öl auf Leinwand). Repros: Kunsthalle Bremen

Bremen. Die Gischt schäumt, das Pferd scheut, es hebt den Kopf und dabei fast den Reiter aus dem Sattel – so zeigt Max Liebermann das Ausreiten auf seinem Bild „Reiter und Reiterin am Strand“. Bewegt erscheinen darauf nicht nur Meer, Mensch und Tier, von Beweglichkeit zeugt auch der Bildausschnitt, der dem ausreitenden Paar Luft in Blickrichtung bietet und dafür Schweif und Huf eines Pferdes hinterm Gemälderand belässt – was die Dynamik der Bewegung unterstreicht.

OZ-Bild

Eine spektakuläre Schau in der Bremer Kunsthalle zeigt den Blick des Malers Max Liebermann auf Bewegung und Sport.

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Zu besichtigen ist das Bild dieses bedeutendsten Vertreters des deutschen Impressionismus jetzt in der Kunsthalle Bremen – in einer Ausstellung, die eine Visite in Bremen lohnt: Mehr als 140 Werke aus einer der produktivsten Schaffensperioden von Max Liebermann (1847-1935) und von etlichen seiner Zeitgenossen wurden dafür aus sechs Ländern und von drei Kontinenten ausgeliehen, zusätzlich zu eigenen Beständen der Kunsthalle und deutschen Leihgaben. Manche Bildpräsentation ist eine Premiere; so war Liebermanns „Reiter am Strand mit Foxterrier“ seit 1912 nicht mehr in Deutschland zu sehen.

Und noch nie dagewesen ist die thematische Ausrichtung dieser Liebermann-Schau.

Denn erstmals führt die von Kunsthallenkuratorin Dorothee Hansen konzipierte Ausstellung Ölgemälde, aber auch Zeichnungen und Aquarelle Liebermanns zum Schwimmen und Reiten, zu Tennis, Pferderennen und Polo, zum Segeln und Boxen zusammen, zu Beschäftigungen also, die damals weitgehend den begüterteren Kreisen vorbehalten waren. „Dieser Fokus“, sagt Kunsthallenchef Christoph Grunenberg, „ist in früheren Liebermann-Ausstellungen weitgehend unbeachtet geblieben.“

„Max Liebermann – vom Freizeitvergnügen zum modernen Sport“ lautet der fast harmlos klingende Titel der Ausstellung. „Vor allem Tennis und Reiten“, sagt Kuratorin Hansen, „werden im ausgehenden 19.

Jahrhundert zu den modernen Kulturtechniken einer schicken, sportlichen und international orientierten Schicht.“ Doch die Kunstschau zeugt überdies davon, dass sich Liebermann nicht nur für die sportliche, sondern auch für eine soziale Beweglichkeit der nur auf den ersten Blick so festgefügten wilhelminischen Gesellschaft interessiert. Seine teils nackten „Badenden Knaben“ (1900) müssen keine weiblichen Schaulustigen ertragen, und auch bei „Reiter und Reiterin am Strand“ (1903) sind die Geschlechterrollen noch sittsam verteilt: Der Herr reitet rechts und eine halbe Länge hinter der Dame. Zum einen, damit er keinesfalls ihre selbstverständlich nicht gespreizten Beine berührt, zum anderen, damit er ihr nötigenfalls beispringen kann, falls sie aus dem Damensattel sinken sollte.

Doch die Dame hat nicht nur ihr Pferd besser im Griff, sie wahrt auch ansonsten souverän Contenance – hier zeichnen sich schon vor mehr als 100 Jahren in Bewegung geratende Geschlechterrollen ab.

Immerhin spottete man damals schon über die Leibesertüchtigungen der Oberschicht. „Beim Tennis findet sich leichter Herz zum Herzen“, heißt es auf einer zeitgenössischen Karikatur. Kein Zufall ist es daher, dass Liebermanns „Tennisspieler am Meer“ (1901) ein Doppel von Damen und Herren zeigt – das Spielfeld wurde nicht selten als „Verlobungszwinger“ verhöhnt. Doch was heißt schon Spielfeld?

Damals spielten bessere Kreise noch auf dem Gras vom „Sportterrein“ des Oranjehotels im holländischen Seebad Scheveningen, wo auch Liebermann viele Sommermonate verbrachte. Sein Bild zeigt denn auch ein Netz, das von dem Briten Walter Clopton Wingfield stammen könnte, der außer durch seine Tennisregelbücher auch durch mobile Tennissets aus Netz, Schlägern und Bällen bekannt wurde.

Liebermann ist statt ins mondäne Scheveningen später oft ins einfachere Nordwijk gereist, das er schon länger kannte. „In seiner früheren, realistischen Schaffensperiode hatte er dort Muschelfischer, Kuhhirtinnen oder eben die badenden Dorfkinder gemalt“, sagt Hansen. „Die Welt der kleinen Leute eben.“ Widmete sich Liebermann mit seinem Wechsel zum Impressionismus statt der sozialen Realität lieber der Welt seiner Kunstkäufer? Künstlerisch war er um die Jahrhundertwende längst etabliert, finanziell war der Industriellensohn ohnehin nicht auf Verkäufe angewiesen. Das Milieu, das er malte, war einfach sein eigenes, er ritt selbst aus, seine Tochter Käthe malte er hoch zu Pferde, und sie spielte selbstverständlich auch Tennis.

Was Liebermann eigentlich bewegte, zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung – nämlich die Darstellung der Dynamik, der eingefrorene Bewegungsablauf. Dorothee Hansen hat bewegte Rückenpartien wie bei der mit dem Schläger ausholenden Tennisspielerin noch auf weiteren Skizzen und Bildern Liebermanns entdeckt, und seine Begeisterung für Bewegungsabläufe illustriert ihre Ausstellung auch anhand von Zeichnungen von Edouard Manet sowie von Malereien und Skulpturen von Edgar Degas, die Liebermann beide verehrte.

Fast noch dynamischer wirkt „Der Jockey“ (1899), eine Lithografie des gleichfalls von Liebermann geschätzten Henri Toulouse-Lautrec, die ein Pferderennen aus der Perspektive eines Mitreitenden zeigt – wie sich dies auch heute fotografisch am ehesten mit den sogenannten Action-Kameras festhalten lässt. Liebermann dürfte es nicht zuletzt darum gegangen sein, zur als unerhört empfundenen Dynamik solchen Sports das noch ungesehene Bild festzuhalten – zu einer Zeit, als Fotografie und Film zwar schon etabliert, aber noch zu unbeholfen waren, um Eindrücke aus dem Schwung des Tennis-Aufschlags oder vom Pferderücken aus festzuhalten.

Max Liebermann, der Künstler genau beobachteter Bewegung – und auch ein Beobachter bewegterer gesellschaftlicher Verhältnisse? In manchem der Bilder, die jetzt in Bremen zu sehen sind, scheint jedenfalls schon die Vorahnung späteren Wandels spürbar.

Kein Wunder, dass Liebermann nach Weltkrieg und Novemberrevolution von diesen Themen und diesem Blickwinkel abrückt. Von seiner Villa am Wannsee aus hält er Segelboote als eher beschaulichen, fast statischen Teil ruhiger Landschaftsbilder fest, und 1931 malt er, 84-jährig, zwar noch einmal badende Knaben, doch wiederum nur als bloße Zutat eines Seepanoramas, das wohl weder am Meer noch am Wannsee, sondern wahrscheinlich aufgrund von Skizzen in seinem Atelier am Pariser Platz entstanden ist.

Wie Liebermann als Greis so nehmen auch Besucher am Ende dieser Ausstellung ihren Abschied von der Darstellung einer Gesellschaft, die längst weitaus dramatischer in Bewegung geraten ist – auch wenn Segeln und Tennis, Reiten und Polo bis heute keine Massensportarten sind.

Ausstellung und Katalog

Die Ausstellung „Max Liebermann – Reiten, Tennis, Polo. Vom Freizeitvergnügen zum modernen Sport“ wird bis zum 26. Februar 2017 in der Kunsthalle Bremen (Am Wall 207) gezeigt.

Unter demselben Titel wie zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (Hirmer-Verlag, 192 Seiten, 39,90 Euro).

Details und Öffnungszeiten unter www.kunsthalle-bremen.de

Die Schau entstand in Kooperation mit der Liebermann-Villa am Wannsee in Berlin, wo sie vom 19. März bis 26. Juni 2017 zu sehen ist.

Daniel Alexander Schacht

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