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Kultur Wo Vampire fliegen, sind auch Engel
Nachrichten Kultur Wo Vampire fliegen, sind auch Engel
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00:00 28.08.2018
Berlin

Terry Maitland wird von der Polizei offen auf dem Baseballplatz festgenommen. Er soll ein Kind ermordet haben, auf besonders grausame Weise. Was Stephen King im ersten Drittel seines neuen Romans in fiebrigem Tempo beschreibt, ist, wie Kindesmissbrauch einen allseits geschätzten Mitbürger in einen Ausgestoßenen verwandelt. Die Bürger von Flint City, Oklahoma, sind schnell davon überzeugt, dass in dem kumpelhaften Jugendtrainer und zweifachen Familienvater Terry ein Monster steckt.

In seinem Roman „Der Outsider“ erzählt Stephen King, wie ein Mann von der Gesellschaft verstoßen wird / Ein echtes Monster gibt es auch wieder

Stephen King: Der Meister des Grauens schlägt wieder zu. FOTO: HITIJ/DPA

Virtuos erschafft King nun die Kakofonie der Hysterie, formt den Lynchmob, der nicht innehält, auch als ein unwiderlegbares Alibi die erdrückende Beweislast infrage stellt. Das wutgeladene Amerika des Donald Trump findet hier sein Abbild im Kleinen. Der Leser steht dabei fest an der Seite einer kleinen Schar Getreuer, die Maitlands Unschuld nie in Zweifel zieht. Und würde King zur Aufklärung des Widerspruchs, dass ein Mensch nicht zur selben Zeit an zwei Orten sein kann, kein Horrorwesen benötigen, wäre „Der Outsider“ unzweifelhaft eins seiner Meisterwerke.

Nun lässt sich dieses spezielle Rätsel aber nicht anders lösen als auf übernatürlichem Wege. Und so kommt Detective Ralph Anderson, der seinen showartigen Verhaftungszirkus im Stadion bald schon bitter bereuen soll, mit Hilfe der altjüngferlichen, schüchtern-deprimierten Holly Gibney (King-Leser kennen sie aus der „Mr. Mercedes“-Romantrilogie) und weiteren Verbündeten einem Ungeheuer auf die Spur. Ein Gestaltwandler mordet sich seit Äonen durch die Welt, ein vampirisches, kindsmordendes Biest wie es der Clown Pennywise aus „Es“ (1986) war. Er übernimmt die Gesichter von Leuten, denen seine Opfer vertrauen, ernährt sich von deren Schmerz und Angst und von der Traurigkeit der Hinterbliebenen. Er verheert damit ganze Gemeinden.

Kings Rasanz und sein Einfühlungsvermögen halten die Spannung über weite Strecken. Im letzten Viertel jedoch wandelt der Roman selber seine Gestalt: Die Dialoge werden kraftloser, Wiederholungen nerven, bis dann der Showdown relativ lustlos absolviert wird. Der Outsider wird unspektakulär besiegt, stirbt auf exakt dieselbe Weise wie 2014 der Terrorist Brady Hartsfield in „Mr. Mercedes“. Dass die Schlange, Lieblingsform des biblischen Gestaltwandlers Luzifer, einige der Helden vor dem Tod rettet, ist halbwegs originell – ein Akt der Rehabilitation der Paradiesbaumverführerin. Die Klage des Biests über seine Einsamkeit aber ist nicht etwa berührend wie im Fall von Frankensteins liebesbedürftiger Kreatur. Sondern lässt einen absolut kalt.

Der Epilog ist dann nahezu seifenopernhaft. Alles wird so gut, dass einem schlecht wird. Damit die Welt nicht mit der Existenz des Übersinnlichen befremdet wird, halten die Monsterjäger die Existenz des Monsters vor der Öffentlichkeit geheim. Dass die stattdessen servierten alternativen Fakten, die abstrus konstruierte Täuschung von den Leuten in Flint City geschluckt werden, erscheint unglaubwürdig.

Alle Geschichten über die Mächte der Hölle sind im Kehrschluss auch Geschichten, in denen das Entgegengesetzte existiert. In Kings Fantasiewelt heißt es seit seinem „Dunkler Turm“-Zyklus Ka, und seine Protagonisten dürfen an einer Stelle des Buchs die Existenz des Guten spüren. Wo Vampire fliegen, sind immer auch Engel. Gut zu wissen, dass es Gott gibt, wo Dämonen sind. So hält ausgerechnet das Spuk-Universum des Stephen King in beängstigenden Zeiten wie diesen etwas Beruhigendes parat.

400 Millionen verkaufte Bücher

Stephen Edwin King, im September 1947 in Portland, Maine geboren, ist ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er ist vor allem bekannt für seine Horror-Romane, die ihn zu einem der meistgelesenen und kommerziell erfolgreichsten Autoren der Gegenwart machen. Bis heute hat King als Autor weltweit mehr als 400 Millionen Bücher verkauft, die in über 50 Sprachen übersetzt wurden

Matthias Halbig

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