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Wolf im Glück

Rostock Wolf im Glück

Wolf Biermann stellte im Rostocker Volkstheater seine Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ vor. Sein Sohn, der Schauspieler Manuel Soubeyrand, las Auszüge aus dem Lebensbuch des berühmtesten deutschen Liedermachers.

Rostock. Am Ende zweier launiger Stunden tat er’s dann doch. Wolf Biermann nahm das „zufällig“ in der Tasche steckende Manuskript seines jüngsten Gedichtes „Bilanzballade im achtzigsten Jahr“, auf das er zuvor mit Andeutungen neugierig gemacht hatte, und trug es genüsslich vor. „Paar Wahrheiten hab ich zusammengereimt“, heißt es darin, „Gespottet, geküsst, gejammert, geflucht / Gespuckt und gekotzt, doch niemals geschleimt / Dich hab ich gefunden, mich hab ich gesucht. / Ich staunte die Welt an, seit eh und je / – mit Kinderaugen, uralten / Begreif immer weniger was ich noch seh ...“

Natürlich war das Große Haus des Volkstheaters Rostock am Dienstagabend ausverkauft. Kein Platz blieb leer, kaum ein Auge trocken. Biermann saß – genau 14 Tage nach dem 80. Geburtstag – in der Mitte der Bühne, flirtete fit und munter NDR-Moderatorin Julia Westlake zu seiner Rechten an, wies mit vaterstolzer Gebärde auf den Theaterintendanten Manuel Soubeyrand (derzeit Senftenberg) zu seiner Linken. Der stellte Auszüge aus Biermanns Lebensbuch vor, las nicht einfach nur, sondern machte ihre anekdotische Lebendigkeit mit schauspielerischer Lust zum szenischen Erlebnis.

„Wir sind bis heute ein Herz und ein Stammbaum“, schreibt Biermann im Buch über Manuel, den Sohn seiner ersten Muse Brigitte Soubeyran, die das Baby in die Beziehung einbrachte, als sie sich Biermann, den 20-jährigen Regieassistenten am Berliner Ensemble, 1957 „gekrallt“ hat. Neben dem Kind gab sie Biermann auch die ersten Anregungen zur Liedermacherei und verpasste ihm sein Outfit mit Brassens-Bärtchen. Welches er wiederum – so schweift der Sänger sogleich vom Privat-Anekdotischen in die große Weltgeschichte hinaus – nur ein Mal in seinem Leben, am 21. August 1968 nach dem Einmarsch des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei, abrasiert hat, um als altes Mütterchen verkleidet aus seiner Wohnung zu fliehen – vor dem befürchteten Zugriff der Stasi-Schergen.

Nun also Rückschau mit großem Lebensbuch, gelassen, gut gelaunt. Der Wolf im Glück – mit seinem Publikum, darunter viele Fans von „damals“, in vertraulichem Einvernehmen („Ihr wisst ja hier in Rostock, wie das war. Viele Geschichten kann man im Westen gar nicht erzählen, dort fehlt einfach die politische Fantasie“). Klar, bedenkt man, wie viel an gemeinsamer Erfahrung selbst in nebensächlichen Sätzen mitschwingt. Erfahrung vom Verhalten in und gegenüber dem Regime der Bonzen, das Biermann aus der Perspektive des kommunistischen Ideals attackiert hatte, bis sich die DDR-Führung im November 1976 des kritischen Sängers durch Ausbürgerung entledigte – der Anfang ihres eigenen Untergangs.

Seine eigene Geschichte fasst der Liedermacher so zusammen: „Wie einer, der in der Nazizeit geboren wird als Kommunistenkind und als Judenkind, wie der dieser Biermann wird. Und wie er es dann schafft, seinen Vater, der von den Nazis ermordet wurde, nicht noch einmal umzubringen: Indem er mit seinem Kinderglauben Kommunismus, für den der Vater gestorben war, nun bricht.“ Klingt dialektisch und kompliziert, aber in seinem fast 550 Seiten starken Wälzer hat er das klar, nachvollziehbar und sehr plastisch geschildert.

Manuel Soubeyrand liest anfangs über Biermanns Kindheit in Hamburg, die Erinnerung an Vater Dagobert in Haft, die Deportation jüdischer Angehöriger, dann – mit höchster Dramatik beschrieben – die englischen Bombenangriffe, der Feuersturm in Hamburg 1943, den Wolf nur knapp überlebt.

Seitdem, so schreibt Biermann, „weiß ich, dass die kleine Lebensuhr in meinem Rippenkäfig festgebrannt ist. Sie ist stehengeblieben im Feuergebläse dieser einen Nacht. Ich bin ein grau gewordenes Kind, das immer noch staunt. Sechseinhalb Jahre war ich damals. Und so alt blieb ich mein Leben lang.“

Es folgen Erinnerungen an die DDR und Stasi, Margot Honecker auf Biermannns Sessel, das Gedicht „An die alten Genossen“ erklingt von Tonkonserve. Nach der staatlichen Zerstörung des b.a.t. (Berliner Arbeiter- und Studentheater) beschließt er, nie mehr Opportunist zu sein und „nur noch eigene Fehler“ zu machen. Geschichten von Mutter Emma, der wunderbaren, die Biermann-Fans wohl ebenso ins Herz geschlossen haben wie den Sänger. „Wer so eine Mutter im Rücken hat“, sagt der Dichter, „gegen den haben die Schweinehunde keine Chance.“

Gesungen hat Biermann nicht, leider. Doch er stellte in Aussicht, nächstes Jahr mit dem Zentralquartett in Rostock zu gastieren.

Dietrich Pätzold

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