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Kultur Wüst und schamlos: Der Skandalroman der Saison
Nachrichten Kultur Wüst und schamlos: Der Skandalroman der Saison
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01:24 28.04.2016
Maxim Billers Roman „Biografie“ sorgt für Wirbel. Quelle: Nina Lueth/laif

Lübeck Maxim Biller ist ein Meister der kleinen Form. Für seine Literaturkritiken, moralischen Geschichten, Polemiken ist er berühmt. Eine wichtige Kolumne hieß „Hundert Zeilen Hass“. Mit Intelligenz, Witz und Fleiß hat er sich eine bemerkenswerte Position im literarischen Leben erarbeitet.

Biller ist der einzige Kolumnist, der zur gleichen Zeit zwei Feuilletons, das der „Zeit“ und das der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, beliefert. Und er ist Mitglied des neuen „Literarischen Quartetts“ im ZDF. Viele Schriftsteller fürchten sich laut „Spiegel“ vor Biller. Und die „Welt“ setzt noch einen drauf: Er „disst Kollegen und Bücher so eiskalt, dass selbst Bushido neidisch würde“.

Nun hat Biller selbst einen 896-Seiten-Roman geschrieben. Über acht Jahre. „Biografie“ ist, wie er verkündet, deutlich länger als die „Blechtrommel“ (immer noch das Maß für künstlerische Anstrengung und Erfolg in Deutschland). In „Biografie“ erzählt uns der jüdische Schriftsteller Solomon Karubiner sein Leben. Die zweite Hauptfigur ist Noah Forlani, ein reicher jüdischer Erbe, den sein Geld bedrückt und der versucht, es mit Filmen und Weltverbesserungsprojekten unter die Leute zu bringen. Solomon und Noah sind seit ihrer Bar Mizwa in der Hamburger Synagoge beste Freunde. Der Roman führt uns von Hamburg nach Berlin, Los Angeles, Prag, in den Sudan, in israelische Orte und ins ukrainische Buczacz, wo die Karubiners und Forlanis unter Naziterror gelitten haben.

Um Solomon und Noah herum sind etwa 60 ernst zu nehmende Nebenfiguren gruppiert: Schriftsteller, Intellektuelle, sowjetische Agenten, Gestapo-Mitarbeiter, israelische Elitesoldaten, Hollywoodschauspieler, sudanesische Diplomaten, tschechische Kunstsammler, Juden und Antisemiten jeglicher Nationalität. In kurzen schlaglichtartigen Szenen treiben Marcel Reich-Ranicki, George Constanza, eine Figur aus der US-Serie „Seinfeld“, oder Heinrich Böll die Handlung voran. Biller schildert die Welt der in der Bundesrepublik erwachsen gewordenen Generation von deutschen Juden, die inzwischen in der ganzen Welt leben. Dafür setzt er Sitcom-Szenen, flapsige und zuweilen flache Pointen sowie eine hochsexualisierte Szene-Sprache ein.

Das Buch ist wüst und schamlos, selbst für heutige Begriffe ungewöhnlich verdorben. Nun gehört nach Henry Miller, Philip Roth und Harold Brodkey ja einiges dazu, mit sexuell expliziter Sprache und erotischen Darstellungen Aufmerksamkeit oder sogar Anstoß zu erregen. Aber Biller gelingt das spielend. Sex in allen möglichen Spielarten hält das Buch zusammen. Vor diesem Hintergrund ist es wahrscheinlich, dass „Biografie“ ein erfolgreicher Skandalroman wird. Aber ist es auch gut? Keine Frage: Biller ist ein schriftstellerischer Handwerker auf hohem Niveau, ein guter Beobachter mit Sinn für signifikante Details. Ein wirklich wichtiger Autor ist er, weil er den Raum der Literatur erweitert. Schranken erkennt er nicht an. Seine schnell hintereinander geschnittenen Szenen sind oft überdreht, immer tabulos, manchmal sinnlos. Zuweilen ist er auch komisch.

Andererseits ist „Biografie“ auch ein Werk, das vom Leser Geduld und Arbeit verlangt: Oft gibt es platte Pointen auf engem Raum wie bei der zähen Diskussion zwischen einer Oprah-Winfrey-ähnlichen Moderatorin und drei amerikanischen Schauspielern im Getty-Centre.

Einiges wiederholt sich. Wahrscheinlich wäre „Biografie“ schlicht ein besseres Werk, wenn der Autor oder ein Lektor es kühn gekürzt hätte — zum Beispiel auf die Länge der „Blechtrommel“.

„Biografie“ von Maxim Biller, Kiepenheuer & Witsch, 896 Seiten, 29,99 Euro.

*Christian Schwandt ist Geschäftsführender Theaterdirektor in Lübeck

Sachwalter jüdischer Literatur

Maxim Biller wurde 1960 in Prag geboren. Seine Eltern waren als Juden aus Russland emigriert.

1970 zog die Familie nach Hamburg, wo Maxim Biller zunächst Literatur studierte. Nach einem Journalismusstudium schrieb er Kolumnen für die Zeitschrift „Tempo“ („Hundert Zeilen Hass“).

Sein erster Band mit Erzählungen „Wenn ich einmal reich und tot bin“ (1990) wurde von Kritikern als „die Wiederkehr der jüdischen Literatur nach Deutschland“ gefeiert.

Von Christian Schwandt*

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